Redaktion EURODECOR
Birgit Jünger | Chefredakteurin | juenger@meininger.de
Alexander Radziwill | Redakteur | radziwill@meininger.de
Nicole Stolpmann | Redakteurin | stolpmann@meininger.de

Ausgabe 02/2017

Alles kommt wieder, Schlaghosen und Fischgrät zum Beispiel. Auf den Messen im Januar gab es allerdings (noch) deutlich mehr Fischgrät als Schlaghosen zu sehen, und zwar in so gut wie jeder Bodenbelags-Variante. Ein weiterer alter Bekannter ist Hygge. Es handelt sich dabei weder um einen neuen Bayern München-Stürmer noch um den Gewinner des diesjährigen Dschungelcamps, sondern um das neue Modewort der Interior-Szene. Der Trend kommt ausnahmsweise nicht aus den USA, wo man derzeit ja eher mit alternativen Fakten beschäftigt ist. Hygge stammt vielmehr aus dem dänisch-norwegischen Sprachraum und meint so viel wie gemütlich, geborgen, nett, heimelig. An irgendwas erinnert uns das doch? War da nicht mal etwas mit diesem Begriff namens Cocooning? Gab es da nicht mal diese Trendforscherin namens Faith Popcorn? Ging es da nicht um den Rückzug ins sichere und schöne Zuhause angesichts einer zunehmend unübersichtlicheren und als gefährlich betrachteten Welt? Jahre, wenn nicht Jahrzehnte wurde der Begriff von Trend-Insidern und solchen, die sich dafür hielten, heruntergebetet. Sie alle können ihr altbewährtes Wissen nun reaktivieren und ein neues Etikett draufkleben: Hygge.

Alles kommt wieder, aber die Zyklen scheinen immer kürzer zu werden. Schlaghosen – das ist wirklich lange her. Die Pastellfarben, die nun überall zu sehen sind, waren in den fünfziger und später noch einmal in den achtziger Jahren populär. Die Totenköpfe aber, die auf der Heimtextil im Januar zu sehen waren, ähneln denen frappierend, die vor gerade einmal vier, vielleicht fünf Jahren in jeder beliebigen Fußgängerzone als Gürtelschnalle oder Haarspange zu sehen waren. Uns soll es recht sein, so lange es die Branche im Gespräch hält, die Kunden zum Handel führt und die Menschen hygge und glücklich macht. Über Neues, Schönes und Gutes von den Messen im Januar berichten wir in dieser und der kommenden Ausgabe darum ausführlich

Alexander Radziwill

Ausgabe 12/2016/01/2017

Postfaktisch ist das Wort des Jahres 2016, hat die Gesellschaft für deutsche Sprache bekannt gegeben. Tatsachen drängen im öffentlichen Diskurs zunehmend in den Hintergrund, eine Art von „gefühlter“ Wahrheit bestimmt die Debatte auf vielen Ebenen. Wobei es immer schon mehr als eine Seite der Medaille gab – das fiel nur noch nicht so auf, als die Zahl der meinungsstarken Medien noch geringer war. Heute sucht sich jeder seine eigene Wahrheit zusammen, in Foren, auf Facebook, via fake news. Auch die Begründung der Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache zur Wahl des Wortes des Jahres hat mindestens zwei Seiten. Ist es so, dass „immer größere Bevölkerungsschichten“ aus Widerwillen gegen „die da oben“ bereit sind, „Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen zu akzeptieren“? Oder glauben Teile der Bevölkerung eine vermeintliche Bevormundung zu verspüren, indem manche Medien Nachrichten anders filtern, als diese Teile der Bevölkerung es gern hätten? Das kommt auf die Perspektive an – postfaktisch wäre dann zumindest aus dieser Sicht manche Berichterstattung. Bislang war es Usus, Schlussfolgerungen anhand von Fakten zu ziehen, nicht von Emotionen. Das wird zunehmend schwerer, wenn jeder seine eigenen Fakten hat, die des anderen anzweifelt, ignoriert oder als verfälscht bewertet.

Wir halten uns in dieser Ausgabe der eurodecor, wie in jeder anderen auch, an die Fakten. Wenn es heutzutage ein Fakt ist, dass es manche Verbraucher nicht interessiert, ob ein Bodenbelag ein Laminatboden oder ein Parkett ist (siehe unsere Strecke Wie wird 2017? ab Seite 40 der Printausgabe), müssen sich Industrie, Handel und Handwerk auch damit auseinandersetzen. Dann haben wir es weniger mit dem postfaktischen Bodenbelag zu tun, als mit veränderten Ansprüchen der Kunden. Das heißt in Konsequenz: Weg vom Denken in Produktkategorien, hin zum Denken in Lösungen für konkrete Anforderungen und Einsatzfelder, hin zur Perspektive des Kunden. Der alte Spruch stimmt eben doch: Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, sondern auf einer anderen Ebene. 

Alexander Radziwill

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