Gefangenen-Dilemma im Markt der Multilayer

Ausgabe: 
09/2017

Haben Sie schon mal vom Gefangenen-Dilemma gehört? Bei dieser Spieltheorie geht es um zwei Gefangene, die beschuldigt werden, gemeinsam ein Verbrechen begangen zu haben. Die beiden Gefangenen werden einzeln verhört und können nicht miteinander reden. Leugnen beide das Verbrechen, erhalten beide eine niedrige Strafe. Gestehen beide, erhalten beide dafür eine hohe Strafe, wegen ihres Geständnisses aber nicht die Höchststrafe. Gesteht jedoch nur einer der beiden Gefangenen, geht dieser als Kronzeuge straffrei aus, während der andere als überführter, aber nicht geständiger Täter die Höchststrafe bekommt. 

Das Dilemma besteht nun darin, dass sich jeder Gefangene alleine entscheiden muss, ob und wenn ja was er aussagt, ohne die Entscheidung des anderen zu kennen. „Race to the bottom“ heißt eine Version des Gefangenen-Dilemmas auf neudeutsch – und ist derzeit im Markt der Multilayer und Designbodenbeläge zu beobachten. So sagt beispielsweise  Annika Windmöller, Leiterin der Unternehmens-Kommunikation in der Windmöller-Gruppe, in unserem großen Special ab Seite 22 der Printausgabe der eurodecor: „Nach wie vor rea­lisieren die Designbeläge im europäischen Kernmarkt D/A/CH zweistellige Zuwachsraten. Allerdings wird dieser Wachstumsmarkt zunehmend mit deutlich nachgebenden Preisen und Erlösen rechnen müssen. Das ‚Race to the bottom‘ ist beim LVT-Preisgefüge eröffnet.“ Soll heißen: Es wird sich im Markt draußen unterboten, wo es geht, Hauptsache, man bekommt den Auftrag. Annika Windmöller: „Der rasante Kapazitätsaufbau weltweit und als Folge der Preisverfall in einigen Märkten von bis zu vierzig Prozent innerhalb von fünf Jahren erinnert an die seinerzeit dramatische Preis- und Image-Entwicklung von Laminatböden.“ Alles schon erlebt und wieder nichts gelernt?! Es macht den Eindruck, um im Wortspiel zu bleiben, dass die Branche keine Gefangenen macht. Wollen wir hoffen, dass mancher sich erinnert, was Laminat einmal war und was daraus geworden ist – und diesmal etwas besonnener handelt.

Birgit Jünger