Wahrheit und Gefühle in postfaktischen Zeiten

Ausgabe: 
12/2016/01/2017

Postfaktisch ist das Wort des Jahres 2016, hat die Gesellschaft für deutsche Sprache bekannt gegeben. Tatsachen drängen im öffentlichen Diskurs zunehmend in den Hintergrund, eine Art von „gefühlter“ Wahrheit bestimmt die Debatte auf vielen Ebenen. Wobei es immer schon mehr als eine Seite der Medaille gab – das fiel nur noch nicht so auf, als die Zahl der meinungsstarken Medien noch geringer war. Heute sucht sich jeder seine eigene Wahrheit zusammen, in Foren, auf Facebook, via fake news. Auch die Begründung der Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache zur Wahl des Wortes des Jahres hat mindestens zwei Seiten. Ist es so, dass „immer größere Bevölkerungsschichten“ aus Widerwillen gegen „die da oben“ bereit sind, „Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen zu akzeptieren“? Oder glauben Teile der Bevölkerung eine vermeintliche Bevormundung zu verspüren, indem manche Medien Nachrichten anders filtern, als diese Teile der Bevölkerung es gern hätten? Das kommt auf die Perspektive an – postfaktisch wäre dann zumindest aus dieser Sicht manche Berichterstattung. Bislang war es Usus, Schlussfolgerungen anhand von Fakten zu ziehen, nicht von Emotionen. Das wird zunehmend schwerer, wenn jeder seine eigenen Fakten hat, die des anderen anzweifelt, ignoriert oder als verfälscht bewertet.

Wir halten uns in dieser Ausgabe der eurodecor, wie in jeder anderen auch, an die Fakten. Wenn es heutzutage ein Fakt ist, dass es manche Verbraucher nicht interessiert, ob ein Bodenbelag ein Laminatboden oder ein Parkett ist (siehe unsere Strecke Wie wird 2017? ab Seite 40 der Printausgabe), müssen sich Industrie, Handel und Handwerk auch damit auseinandersetzen. Dann haben wir es weniger mit dem postfaktischen Bodenbelag zu tun, als mit veränderten Ansprüchen der Kunden. Das heißt in Konsequenz: Weg vom Denken in Produktkategorien, hin zum Denken in Lösungen für konkrete Anforderungen und Einsatzfelder, hin zur Perspektive des Kunden. Der alte Spruch stimmt eben doch: Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, sondern auf einer anderen Ebene. 

Alexander Radziwill