Warmer Sekt und ein Päckchen Tütensuppe

Ausgabe: 
11/2016

Unser Beruf hat viele tolle Seiten: Wir kommen ganz schön rum, treffen interessante Persönlichkeiten, führen anregende Gespräche und erfahren manche Dinge früher als andere. Da wir von den meisten Veranstaltungen, die wir besuchen, auch selbst Fotos machen, werden wir oft in der ersten Reihe platziert – von weiter weg lässt sich einfach schlechter fotografieren. „Die knipsende Zunft“, wie wir bei einer Tagung vor kurzem begrüßt wurden, schreibt übrigens auch mit; manchmal selbst mit dem Block auf den Knien oder zur Not im Stehen. Die Kehrseite der Medaille: Wir sind begehrte Objekte für Spaßmacher aller Art, Komiker, Comedians, Referenten mit Comedy-Affinität, Showköchen und selbst Bingo-Spielleitern. Eine Kollegin wurde vor kurzem aus der ersten Reihe auf die Bühne gerufen, um als Quiz-Kandidatin zu fungieren. Ihr Gewinn: eine Frühlingssuppe in der Tüte. Einige Zeit davor war sie einmal als Assistentin eines Zauberers in Erscheinung getreten, der ihr – dem Anschein nach zumindest – einen BH aus dem Ausschnitt entlockt hatte. 

Wir waren schon auf vielen Bühnen das Opfer aus der ersten Reihe. Ein Zauberer ließ einmal Dinge in einer dunklen Kiste ertasten – die gefühlte Zange entpuppte sich als Taube, der im Dunkeln gefühlte Hammer als Hase...mit etwas Glück gibt es am Ende einer solchen Darbietung sogar einen Preis. Beim Bingo als Assistent dienen brachte zum Beispiel einmal eine Flasche warmen Sekt ein. „Ein herrliches Menü wäre das gewesen – warmer Sekt und Tütensuppe“, sagte die Kollegin. Aber wir wollen nicht klagen, denn im Großen und Ganzen tun wir gern, was wir tun. Wenn Sie uns also das nächste Mal bei einer Veranstaltung ganz vorn sitzen sehen, wissen Sie jetzt Bescheid. Meine Kolleginnen und Kollegen in der ersten Reihe und ich – wir halten uns nicht für etwas Besonders, weil wir da vorn sitzen. Wir grämen uns auch nicht. Stattdessen sehen wir schicksalsergeben in heiterer Gelassenheit dem nächsten unfreiwilligen Auftritt entgegen. Und freuen und schon auf die nächste Tütensuppe. 

Alexander Radziwill