Glosse

11/2017

Alexander D.Übel

Hasi ist ein Schaf. Es lebt in Nordfriesland auf einem Hof zusammen mit anderen Schafen, Schweinen, Pferden, Katzen und Kühen, zwei Hunden und einer Handvoll Menschen. Hasi ist ein bisschen anders als die anderen Schafe. Souveräner, könnte man sagen. Als Jungtier von seiner Mutter verstoßen, wurde er – nein, nicht von Hasen, aber von Menschen – mit der Flasche aufgezogen. Das erklärt vielleicht, warum Hasi sich gern Menschen anschließt, bei den Fütterungen der anderen Tiere immer mit dabei ist und sich vielleicht selbst für einen Menschen (oder einen Hasen) hält. Er springt jedenfalls über den Hof wie ein Hase. Zu den anderen Schafen wahrt er eine gewisse Distanz.

Hasi weiß vermutlich nichts von einer Studie, die Forscher der Universitäten Surrey, Exeter und Plymouth vor kurzem veröffentlicht haben. Demnach erholen sich Menschen von ihrem Alltag viel besser auf dem Land als im Stadtwald, in botanischen Gärten oder in Parks der Stadt. Wer die innerstädtischen Parks zum Beispiel von Berlin und deren Klientel kennt, wird das sofort unterschreiben.   

»Sein Selbstbewusstsein faszinierte uns.«

Wenn Menschen aus der Großstadt vor seiner Nase versuchen, sich auf den Ponys seines Hofes aufrechtzuhalten und dabei regelmäßig so richtig der Länge nach in den norddeutschen Matsch fallen, betrachtet Hasi das Geschehen mit großer Gelassenheit. Er weiß: Diese Menschen erholen sich gerade. Wenn sie sagen, sie hätten „kein Netz“ und „keinen Balken“ auf dem Smartphone, wenn sie über den ewigen Regen fluchen, das Stockbrot am Lagerfeuer ankokeln lassen und das Smartphone beim Ponyreiten in den Matsch fallen lassen, geht es ihnen gut. Ob sich Hasi wohl manchmal fragt, wie die Menschen aus der Großstadt leben? Ob sie dort auch Schlamm und Regen haben? Hasi scheint es nicht weiter zu kümmern. Sein unerschütterliches Selbstbewusstsein faszinierte uns, sein regentrotzender Gleichmut schien nach ein paar Tagen auf uns abzufärben. Wir überlegten kurz, uns ein Schaf anzuschaffen. 

Es würde gerade so auf den Balkon passen. Vermutlich wäre es aber allzu rasch zum genervten Großstadtschaf mutiert. Wir verwarfen den Gedanken also wieder, fielen stattdessen einmal mehr in den Schlamm und sprangen über den Hof wie die Hasen, dem Regen und den abwesenden Balken mit großem Gleichmut trotzend. 

09/2017

Alexander D.Übel

Die Friseure waren mit die ersten. Irgendwann – es mag zehn, 15 Jahre her sein – war Salon Elfriede wohl nicht mehr schnittig genug. Stattdessen gab es nun vermehrt Friseure, die ihre Läden Haarscharf, Hairport, Haarmonie, Vorhair Nachhair, Haarlekin oder auch Glückssträhne nannten. Sogar ein Salon Drumhairum ist überliefert. Wie fing das alles an? Und warum? Man weiß es nicht. Vielleicht waren es die Friseure, vielleicht auch die Berliner Stadtreinigung BSR. Womöglich hat sie um die Jahrtausendwende mit dem Slogan „We kehr for you“ die Wortspielarena eröffnet.

Zumindest gab es von da an es kein Halten mehr und viele andere zogen nach. Auf Facebook existiert eine Gruppe namens Wortspielhölle Berlin, die solche Schöpfungen aus vielen Branchen aufführt. Dort finden sich unter anderem ein weiterer BSR-Laster (Aufschrift „Mülle Grazie“), ein Bäcker („Korn to be Wild“), eine Kneipe („Trinkerbell“), ein China-Imbiss („Wir setzen Maßstäbchen“) und natürlich jede Menge weiterer Friseure. Ein Beitrag, der vermutlich aus der Ära des verblichenen Obama-Überschwangs stammt, lautet „Yes we kämm“. Einen der Höhepunkte der Seite stellt natürlich ebenfalls ein Friseursalon dar. Sein Name lautet: ChicSaal.   

»Willkommen im Salon 'Kamm in'.«

Aus unserer Branche sind nur wenige Beispiele bekannt. In Bremen wirbt oder warb ein Unternehmen mit dem Slogan „Alles Parketti“. Die Immobilienwirtschaft nutzt aktuell den Spruch „wohnsinnig angekommen“, aber sonst? Haben die meisten Ideen schon andere gehabt. Wie wär’s mit „Brett à porter“? Gibt es schon, unter anderem von einem Skateboard-Geschäft und einer Theatergruppe. Und der Holzhandel wird sich zu recht dagegen verwahren, simple Bretter zu verkaufen. Assoziationen mit Stoff? Sind heikel, leiten sie doch leicht in eine falsche Richtung. Und was denkt der geneigte Endverbraucher beim Stichwort Sonnenschutz? Probieren Sie es mal mit fachfremden Bekannten aus. Am häufigsten genannt wird das, was er sich im Sommer auf Arme, Beine und Gesicht schmiert. Vielleicht muss man beim Wortspielen auch weggehen vom reinen Produkt und einfach Offenheit und Freundlichkeit demonstrieren – wie der Friseur, dessen Laden „Kamm in“ heißt. Oder auf Qualität aus dem Inland pochen. Wie vor einiger Zeit in der Werbung für einen Rasenmäher. Da stand unter dem Produkt: „Mäht in Germany“. 

06/2017

Alexander D.Übel

Der Sommer ist da, die Bikinifigur noch nicht so ganz, man sollte mal wieder was tun, vielleicht sogar Sport?, aber gleichzeitig liegt da so eine Spät-Frühjahrsmüdigkeit in der Luft, so eine subtile Schlaffheit – kennen Sie das? Viele Menschen sind davon befallen; nicht nur, aber auch Eltern kleiner Kinder. Sie werden nachts sieben Mal und mehr ans Bett der Brut gerufen, weil diese Durst plagt, weil Monster unter dem Bett lauern, weil einfach mal so. Ein Fitnessstudio in London hat diese Problematik nun erkannt und darauf mit einem neuen Programm reagiert: Napercise. Die Wortschöpfung setzt sich auf den Worten exercise (Sportprogramm) und to nap (ein Nickerchen machen) zusammen, und genau das ist es, was dort im Wesentlichen geschieht: Gruppenschlafen im Fitnessstudio auf Einzelpritschen zu leiser Entspannungsmusik.

Natürlich nicht nur. Vor dem eigentlichen Nickerchen stehen ein paar Dehnungen an, danach auch, dazwischen wird 45 Minuten geschlafen. Man könnte als kritischer Geist jetzt natürlich einwenden, dass es sich dabei im Prinzip um nichts anders als um ein Mittagsschläfchen in Gesellschaft Gleichgesinnter und -geplagter handelt, aber das wäre zu kurz gedacht.   

»Kinder, der Papa geht jetzt zum Napercisen.«

Versuchen Sie doch mal, sich hinzulegen, während die Wohnung ein Schlachtfeld ist, die Kinder Schwertkämpfe mit Küchenutensilien auskämpfen und der Partner der Wahl eine Wand dübelt, sich die Haare föhnt, den Teppich saugt – oder selbst das Sofa belegt. Sport dagegen ist ein allseits akzeptierter Grund, die Wohnung zu verlassen. „Papa geht jetzt zum Napercisen“ klingt einfach besser als „Ich bin so fertig, ich muss mich hinlegen.“ Es hat etwas Dynamisches, wild Entschlossenes, Kraftvolles – im Gegensatz zum schlecht beleumundeten gewöhnlichen Rumliegen. Außerdem wird in diesem Londoner Studio die Raumtemperatur etwas heruntergeregelt, was die Fettverbrennung anregen soll. Idealerweise kommen Sie also schlank und entspannt aus dem Studio – wie nach einem Workout.

Nicht zuletzt wird im Fitnessstudio in der Gruppe geschlafen, jeder für sich natürlich, was die Motivation noch einmal erhöht. Und man kann sogar ein bisschen bei den Nachbarn angeben mit seinen trendy Napercises, was mit „Ich habe heute im Keller auf dem Gästebett gelegen und geschlafen“ wahrscheinlich nicht so gut funktioniert.

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