Glosse

05/2017

Alexander D.Übel

Eine kleine Umfrage im Bekanntenkreis hat ergeben: Einige unserer Freunde leben vegetarisch, aber niemand vegan. Über Essgewohnheiten Bescheid zu wissen ist wichtig, denn was machen Sie, wenn der neue Partner von Freun­din X, der sich laktose-, gluten-, fructose- und kohlenhydratfrei ernährt, mitkommt? Soll er dasitzen und Gurken essen? Weitere Ergebnisse der kleinen Erhebung: Erstaun­lich viele rauchen, oft heimlich, wenn die Kinder schlafen, oder elektrisch. Die meisten trinken, wenn auch mäßig. Niemand twittert. Das erstaunlichste Ergebnis aber: Etwa die Hälfte unseres Bekanntenkreises besitzt keinen Fernseher. Keiner aus dieser Gruppe verbringt sein Leben von der Welt abgewandt im Wald. Ganz im Gegenteil: Sie nutzen soziale Netzwerke, streamen und whatsappen, was das Zeug hält, aber eben nicht: Fernsehen.

Im Gegensatz zu den Fleischlosen, bei denen ein saftiges Schnitzel vor der Nase entweder Schulterzucken oder ­Empörung hervorruft, stürzen sich die Fernsehlosen auf das Objekt der Verachtung wie ein in der Wüste Verschollener auf den Wassereimer. „Ich mach mal aus“, sagen Sie, sobald der Besuch eintritt, „Nein, nein! Lass an!“ sagt der Besuch und schnappt sich gierig die Fernbedienung.   

»Da kommen die Klum und ihre Klappergestelle.«

Kopfschüttelnd zappen sich die Gäste durch das gerade besonders schäbige Programm. Sie rufen laut „Iiiiehgitte, Bauer sucht Frau!“ und „Nein!! Shopping Queen!“ oder „Ächz, auch das noch; das Promi Dinner!“ oder „Oh Gott: Da kommen die Klum und ihre Klappergestelle!“. Und doch sind sie unfähig, die Augen abzuwenden. Wir haben eigentlich nur ganz wenige Programme und einen winzigen alten Fernseher, der überhaupt nicht smart ist. Und, ehrlich: Wir sehen damit fast nur Arte und 3Sat. Also: fast. Vielleicht mal Joko und Klaas. Aber nie „Frauentausch“, irgendwas mit Bohlen, „Wenn Teenies Mutter werden“ oder „Die 25 spektakulärsten TV-Momente der Welt“. Doch es ist schon zu spät, die fernsehlos lebenden Gäste haben ihr Urteil längst gefällt. „Wie könnt ihr euch sowas nur anschauen?“, rufen sie, halb angewidert, halb amüsiert. Wir fühlen uns plötzlich schlecht, schuldig, nichts­würdig. Auf unsere fernsehlosen Bekannten wirken wir vermutlich wie Leute mit eklig-faszinierenden Hobbys wie Würmerzüchten oder Fußnägelsammeln. Morgen stellen wir den Fernseher in den Keller. Da bleibt er auch. So lange bis der Besuch wieder weg ist.

04/2017

Birgit M. Eckert

Mann, bin ich froh, wenn endlich Ostern ist. Wenn sie wieder normal werden, all die Freunde und Kollegen um mich herum, die die letzten 40 Tage so tapfer waren und gefastet haben. Wenn der Magen wieder voll, das Handy wieder an und das Amazon-Konto wieder belastet ist. Auf was für Ideen aber alle inzwischen auch kommen! Fasten scheint der neue Hype zu sein, der Zweitversuch für all jene, die mit ihren guten Vorsätzen zum 1. Januar bereits im Februar gescheitert sind. Es ist ja auch viel einfacher, weil zeitlich beschränkt. Sechs Wochen dauert die Fastenzeit, und bitteschön, so lange wird man sich ja wohl mal beherrschen können. Und weil alle so supermotiviert sind, langen sie gleich voll zu, indem sie so gut wie allem gleichzeitig entsagen: Alkohol, Süßkram, Geld ausgeben, unnötige Dinge im Internet bestellen, das abendliche Fernsehen, den Aufzug benutzen und – der letzte Schrei! – der Verzicht aufs Smartphone.

Und dann sitzen ­sie da, die Kollegen in der Mittagspause, bei einem stillen Wasser mit ihren trockenen Tofutalern, labern esoterische Weisheiten wie „die Mitte finden, weißt du“, damit auch alle merken, hui, die meinen es wirklich, wirklich ernst.   

»Die Jeans hat schon einen Boyfriend-Look.«

Und man selbst bekommt dabei kaum noch seinen Wurstsalat mit Pommes runter. Die Diät-Polizei ist unterwegs – und man kann ihr kaum entkommen. Die Zeitschriften am Kiosk haben sich abgesprochen und machen mit Titeln über Body-Mass-Index, Sixpack oder „18 Kilo runter in 40 Tagen“ auf. Die Kollegin mailt nach der Halbzeit, dass die viel zu enge Jeans „jetzt schon einen ganz leichten Boyfriend-Look hat“. Der Teilzeit-Veganer twittert jeden Tag sein aktuelles Gewicht wie den neusten Aktienkurs.

Und man selbst? Man fühlt sich klein, ausgeschlossen aus der Kommune der Askese, der glückseligen Nichtesser und Entsager... Aber ich sag euch jetzt mal was: Ihr geht mir auf den Keks mit eurem Hype. Und dieser Keks ist nicht aus Vollkorn und auch nicht glutenfrei, geschweige denn pflanzenbasiert. Er hat Kalorien und erübrigt die Sache mit der Suche nach der Mitte. Die sehe ich nämlich bei mir sofort. Ich sehe sie jedesmal, wenn ich in den Spiegel schaue! Über euren blei­benden Erfolg sprechen wir im nächsten Jahr. 40 Tage machen schließlich noch keinen Sommer! Und bis dahin hole ich auf – ab durch die Mitte sozusagen!

03/2017

Alexander D.Übel

In dieser an Nachrichten nicht armen Zeit wäre eine kleine Meldung aus der Abteilung Vermischtes beinahe unter­gegangen: In Island hat vor kurzem Präsident Gudni Th. Jóhannesson, 48 Jahre jung, eine Diskussion um die Pizza Hawaii entfacht, die mit den Ananasstücken also. Kramt man hierzulande in den Wurfzetteln, die jeden Monat in den Briefkasten geworfen werden, findet man dort Pizza mit Knoblauchwurst, mit Rucola, Gorgonzolasauce, sogar Kapern. Aber Ananas? In Island scheint die Begeisterung dafür ungleich größer als hier zu sein. Die Debatte begann, als Präsident Jóhannesson mit Schülern sprach. Ein Schüler brachte das Thema Pro & Contra Ananas auf der Pizza auf die Tagesordnung. 

Wie hätten wohl die Herren Gauck oder Steinmeier oder auch Frau Merkel reagiert? Vermutlich staatsmännisch korrekt. Etwa so: „In einer freiheitlichen Demokratie wie der unseren ist es den Bürgerinnen und Bürgern gestattet, jede Art von demokratisch legitimiertem Belag auf die Pizza zu legen.“ Fleißkärtchen hätte es wohl für den Vorschlag gege­ben, die Pizza mit Oliven, Tomate und Käse, also Schwarz-Rot-Gold, zu verzieren. Jóhannessons jugendlichem Leichtsinn mag es geschuldet sein, dass er das oder Ähnliches nicht sagte.   

»Wie hätte wohl Herr Steinmeier reagiert?«

Vielmehr erklärte er, Pizza mit Ananas sei ihm grundsätzlich zuwider, er würde sie – und das meinte er im Spaß – am liebsten verbieten lassen. Halb Island griff die Debatte auf. Laut einer aktuellen Umfrage ist jeder dritte Isländer Pro-Ananans auf der Pizza eingestellt. Auf Twitter wurden die Hashtags #PineapplePizza und #PineappleGate geschaffen. Das Ausland zeigte sich irritiert. Der Präsident sah sich schließlich gezwungen, seine Aussage zu relativieren. Auf Facebook schrieb er: Mér finnst ananas góður, bara ekki á pítsu, was so viel heißt wie: Ich mag Ananas, aber nicht auf der Pizza. Damit war das Thema erledigt. So ist das in Island. Hierzulande hätte es vermutlich einen Brennpunkt in der ARD gegeben, Rücktrittforderungen der Opposition, einen Untersuchungsausschuss, mehrere Anne Will-Sendungen mit den üblichen Gästen, die dort im Studio vermutlich einen Zweitwohnsitz haben. Jóhannesson dagegen erklärte, er habe nicht die Macht, Ananas-Pizza zu verbieten. In einem Land, in dem das möglich wäre, würde er auch nicht leben wollen. Im Übrigen empfahl das beliebte isländische Staatsoberhaupt Meeresfrüchte als Belag.

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