Glosse

09/2017

Alexander D.Übel

Die Friseure waren mit die ersten. Irgendwann – es mag zehn, 15 Jahre her sein – war Salon Elfriede wohl nicht mehr schnittig genug. Stattdessen gab es nun vermehrt Friseure, die ihre Läden Haarscharf, Hairport, Haarmonie, Vorhair Nachhair, Haarlekin oder auch Glückssträhne nannten. Sogar ein Salon Drumhairum ist überliefert. Wie fing das alles an? Und warum? Man weiß es nicht. Vielleicht waren es die Friseure, vielleicht auch die Berliner Stadtreinigung BSR. Womöglich hat sie um die Jahrtausendwende mit dem Slogan „We kehr for you“ die Wortspielarena eröffnet.

Zumindest gab es von da an es kein Halten mehr und viele andere zogen nach. Auf Facebook existiert eine Gruppe namens Wortspielhölle Berlin, die solche Schöpfungen aus vielen Branchen aufführt. Dort finden sich unter anderem ein weiterer BSR-Laster (Aufschrift „Mülle Grazie“), ein Bäcker („Korn to be Wild“), eine Kneipe („Trinkerbell“), ein China-Imbiss („Wir setzen Maßstäbchen“) und natürlich jede Menge weiterer Friseure. Ein Beitrag, der vermutlich aus der Ära des verblichenen Obama-Überschwangs stammt, lautet „Yes we kämm“. Einen der Höhepunkte der Seite stellt natürlich ebenfalls ein Friseursalon dar. Sein Name lautet: ChicSaal.   

»Willkommen im Salon 'Kamm in'.«

Aus unserer Branche sind nur wenige Beispiele bekannt. In Bremen wirbt oder warb ein Unternehmen mit dem Slogan „Alles Parketti“. Die Immobilienwirtschaft nutzt aktuell den Spruch „wohnsinnig angekommen“, aber sonst? Haben die meisten Ideen schon andere gehabt. Wie wär’s mit „Brett à porter“? Gibt es schon, unter anderem von einem Skateboard-Geschäft und einer Theatergruppe. Und der Holzhandel wird sich zu recht dagegen verwahren, simple Bretter zu verkaufen. Assoziationen mit Stoff? Sind heikel, leiten sie doch leicht in eine falsche Richtung. Und was denkt der geneigte Endverbraucher beim Stichwort Sonnenschutz? Probieren Sie es mal mit fachfremden Bekannten aus. Am häufigsten genannt wird das, was er sich im Sommer auf Arme, Beine und Gesicht schmiert. Vielleicht muss man beim Wortspielen auch weggehen vom reinen Produkt und einfach Offenheit und Freundlichkeit demonstrieren – wie der Friseur, dessen Laden „Kamm in“ heißt. Oder auf Qualität aus dem Inland pochen. Wie vor einiger Zeit in der Werbung für einen Rasenmäher. Da stand unter dem Produkt: „Mäht in Germany“. 

06/2017

Alexander D.Übel

Der Sommer ist da, die Bikinifigur noch nicht so ganz, man sollte mal wieder was tun, vielleicht sogar Sport?, aber gleichzeitig liegt da so eine Spät-Frühjahrsmüdigkeit in der Luft, so eine subtile Schlaffheit – kennen Sie das? Viele Menschen sind davon befallen; nicht nur, aber auch Eltern kleiner Kinder. Sie werden nachts sieben Mal und mehr ans Bett der Brut gerufen, weil diese Durst plagt, weil Monster unter dem Bett lauern, weil einfach mal so. Ein Fitnessstudio in London hat diese Problematik nun erkannt und darauf mit einem neuen Programm reagiert: Napercise. Die Wortschöpfung setzt sich auf den Worten exercise (Sportprogramm) und to nap (ein Nickerchen machen) zusammen, und genau das ist es, was dort im Wesentlichen geschieht: Gruppenschlafen im Fitnessstudio auf Einzelpritschen zu leiser Entspannungsmusik.

Natürlich nicht nur. Vor dem eigentlichen Nickerchen stehen ein paar Dehnungen an, danach auch, dazwischen wird 45 Minuten geschlafen. Man könnte als kritischer Geist jetzt natürlich einwenden, dass es sich dabei im Prinzip um nichts anders als um ein Mittagsschläfchen in Gesellschaft Gleichgesinnter und -geplagter handelt, aber das wäre zu kurz gedacht.   

»Kinder, der Papa geht jetzt zum Napercisen.«

Versuchen Sie doch mal, sich hinzulegen, während die Wohnung ein Schlachtfeld ist, die Kinder Schwertkämpfe mit Küchenutensilien auskämpfen und der Partner der Wahl eine Wand dübelt, sich die Haare föhnt, den Teppich saugt – oder selbst das Sofa belegt. Sport dagegen ist ein allseits akzeptierter Grund, die Wohnung zu verlassen. „Papa geht jetzt zum Napercisen“ klingt einfach besser als „Ich bin so fertig, ich muss mich hinlegen.“ Es hat etwas Dynamisches, wild Entschlossenes, Kraftvolles – im Gegensatz zum schlecht beleumundeten gewöhnlichen Rumliegen. Außerdem wird in diesem Londoner Studio die Raumtemperatur etwas heruntergeregelt, was die Fettverbrennung anregen soll. Idealerweise kommen Sie also schlank und entspannt aus dem Studio – wie nach einem Workout.

Nicht zuletzt wird im Fitnessstudio in der Gruppe geschlafen, jeder für sich natürlich, was die Motivation noch einmal erhöht. Und man kann sogar ein bisschen bei den Nachbarn angeben mit seinen trendy Napercises, was mit „Ich habe heute im Keller auf dem Gästebett gelegen und geschlafen“ wahrscheinlich nicht so gut funktioniert.

05/2017

Alexander D.Übel

Eine kleine Umfrage im Bekanntenkreis hat ergeben: Einige unserer Freunde leben vegetarisch, aber niemand vegan. Über Essgewohnheiten Bescheid zu wissen ist wichtig, denn was machen Sie, wenn der neue Partner von Freun­din X, der sich laktose-, gluten-, fructose- und kohlenhydratfrei ernährt, mitkommt? Soll er dasitzen und Gurken essen? Weitere Ergebnisse der kleinen Erhebung: Erstaun­lich viele rauchen, oft heimlich, wenn die Kinder schlafen, oder elektrisch. Die meisten trinken, wenn auch mäßig. Niemand twittert. Das erstaunlichste Ergebnis aber: Etwa die Hälfte unseres Bekanntenkreises besitzt keinen Fernseher. Keiner aus dieser Gruppe verbringt sein Leben von der Welt abgewandt im Wald. Ganz im Gegenteil: Sie nutzen soziale Netzwerke, streamen und whatsappen, was das Zeug hält, aber eben nicht: Fernsehen.

Im Gegensatz zu den Fleischlosen, bei denen ein saftiges Schnitzel vor der Nase entweder Schulterzucken oder ­Empörung hervorruft, stürzen sich die Fernsehlosen auf das Objekt der Verachtung wie ein in der Wüste Verschollener auf den Wassereimer. „Ich mach mal aus“, sagen Sie, sobald der Besuch eintritt, „Nein, nein! Lass an!“ sagt der Besuch und schnappt sich gierig die Fernbedienung.   

»Da kommen die Klum und ihre Klappergestelle.«

Kopfschüttelnd zappen sich die Gäste durch das gerade besonders schäbige Programm. Sie rufen laut „Iiiiehgitte, Bauer sucht Frau!“ und „Nein!! Shopping Queen!“ oder „Ächz, auch das noch; das Promi Dinner!“ oder „Oh Gott: Da kommen die Klum und ihre Klappergestelle!“. Und doch sind sie unfähig, die Augen abzuwenden. Wir haben eigentlich nur ganz wenige Programme und einen winzigen alten Fernseher, der überhaupt nicht smart ist. Und, ehrlich: Wir sehen damit fast nur Arte und 3Sat. Also: fast. Vielleicht mal Joko und Klaas. Aber nie „Frauentausch“, irgendwas mit Bohlen, „Wenn Teenies Mutter werden“ oder „Die 25 spektakulärsten TV-Momente der Welt“. Doch es ist schon zu spät, die fernsehlos lebenden Gäste haben ihr Urteil längst gefällt. „Wie könnt ihr euch sowas nur anschauen?“, rufen sie, halb angewidert, halb amüsiert. Wir fühlen uns plötzlich schlecht, schuldig, nichts­würdig. Auf unsere fernsehlosen Bekannten wirken wir vermutlich wie Leute mit eklig-faszinierenden Hobbys wie Würmerzüchten oder Fußnägelsammeln. Morgen stellen wir den Fernseher in den Keller. Da bleibt er auch. So lange bis der Besuch wieder weg ist.

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