Glosse

03-04/2022

Alexander D. Übel

Die Nachbarskinder kommen vorbei: Netflix geht nicht, Internet ist tot, bei euch auch? Ja, bei uns auch. Die ganze Straße ist von der Welt abgekoppelt. Das Gefühl des Abgeschnittenseins ist in den Gesichtchen schmerzhaft ablesbar. Wir sind versucht zu sagen „lest doch ein gutes Buch“, wollen uns aber nicht so massiv in die Erziehung einmischen. Was, fragen die Nachbarskinder, habt ihr eigentlich früher gemacht, als ihr Kinder wart und Netflix und das Internet gingen nicht? Wir entschließen uns, ihnen die Wahrheit zu sagen. Schlimm, aber das Leben war eben hart früher.

02/2022

Alexander D. Übel

Was ist eigentlich aus den großen Ankündigungen aus der Zeit zwischen den Jahren und der Silvesternacht geworden? Was hatten Freunde und Familie (und man selbst) doch nicht alles vollmundig an guten Vorsätzen verkündet. Nicht mehr so viel Fleisch essen (na klar), und wenn, dann nur bio (natürlich). Nicht mehr rauchen (darf ja nicht fehlen), sich mehr (oder auch überhaupt mal) zu bewegen. Mehrfach genannt wurde „weniger trinken“ oder gleich „gar nichts mehr trinken“ (sehr beliebt gerade am Neujahrsmorgen).

07-08/2020

Alexander D.Übel

Vor Kurzem fand sich auf nzz.ch eine Kolumne mit der interessanten Überschrift „Die Corona-Krise brachte viele Zwänge. Den Busen hat sie befreit“. Es ging im Text unter anderem darum, wie sich Frauen in Zeiten des pandemiebedingten Home Offices zunehmend ihrer Büstenhalter entledigten und so eine „neue Freiheit“ erlangten. Als Mann meint man da vielleicht mitreden zu können, muss es aber nicht. Vielleicht ist es angebracht, einfach mal still zu sein, zuzuhören und etwas dabei zu lernen.

03/2020

Alexander D.Übel

Gestern poppte unvermittelt die Nachricht einer Unbekannten auf. Ihr Name: Johanna. Als Anrede wählte die Absenderin der Mail ebenfalls den Vornamen. Aber nicht so, wie es gediegene ältere Hamburger Damen machen („Herr Alex, würden Sie mir wohl bitte die Etagere reichen?“). Die unbekannte Schreiberin duzte vielmehr konsequent durch. „Bei weiteren Fragen kannst du mich gerne jederzeit kontaktieren. Liebste Grüße, Johanna“, endete sie. Es wird ja viel geduzt heute, zum Beispiel von Taxifahrern, die sich aber nur selten mit liebsten Grüßen verabschieden. Warum eigentlich „Du“?

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