Glosse

03/2017

Alexander D.Übel

In dieser an Nachrichten nicht armen Zeit wäre eine kleine Meldung aus der Abteilung Vermischtes beinahe unter­gegangen: In Island hat vor kurzem Präsident Gudni Th. Jóhannesson, 48 Jahre jung, eine Diskussion um die Pizza Hawaii entfacht, die mit den Ananasstücken also. Kramt man hierzulande in den Wurfzetteln, die jeden Monat in den Briefkasten geworfen werden, findet man dort Pizza mit Knoblauchwurst, mit Rucola, Gorgonzolasauce, sogar Kapern. Aber Ananas? In Island scheint die Begeisterung dafür ungleich größer als hier zu sein. Die Debatte begann, als Präsident Jóhannesson mit Schülern sprach. Ein Schüler brachte das Thema Pro & Contra Ananas auf der Pizza auf die Tagesordnung. 

Wie hätten wohl die Herren Gauck oder Steinmeier oder auch Frau Merkel reagiert? Vermutlich staatsmännisch korrekt. Etwa so: „In einer freiheitlichen Demokratie wie der unseren ist es den Bürgerinnen und Bürgern gestattet, jede Art von demokratisch legitimiertem Belag auf die Pizza zu legen.“ Fleißkärtchen hätte es wohl für den Vorschlag gege­ben, die Pizza mit Oliven, Tomate und Käse, also Schwarz-Rot-Gold, zu verzieren. Jóhannessons jugendlichem Leichtsinn mag es geschuldet sein, dass er das oder Ähnliches nicht sagte.   

»Wie hätte wohl Herr Steinmeier reagiert?«

Vielmehr erklärte er, Pizza mit Ananas sei ihm grundsätzlich zuwider, er würde sie – und das meinte er im Spaß – am liebsten verbieten lassen. Halb Island griff die Debatte auf. Laut einer aktuellen Umfrage ist jeder dritte Isländer Pro-Ananans auf der Pizza eingestellt. Auf Twitter wurden die Hashtags #PineapplePizza und #PineappleGate geschaffen. Das Ausland zeigte sich irritiert. Der Präsident sah sich schließlich gezwungen, seine Aussage zu relativieren. Auf Facebook schrieb er: Mér finnst ananas góður, bara ekki á pítsu, was so viel heißt wie: Ich mag Ananas, aber nicht auf der Pizza. Damit war das Thema erledigt. So ist das in Island. Hierzulande hätte es vermutlich einen Brennpunkt in der ARD gegeben, Rücktrittforderungen der Opposition, einen Untersuchungsausschuss, mehrere Anne Will-Sendungen mit den üblichen Gästen, die dort im Studio vermutlich einen Zweitwohnsitz haben. Jóhannesson dagegen erklärte, er habe nicht die Macht, Ananas-Pizza zu verbieten. In einem Land, in dem das möglich wäre, würde er auch nicht leben wollen. Im Übrigen empfahl das beliebte isländische Staatsoberhaupt Meeresfrüchte als Belag.

11/2016

Birgit M. Eckert

Wer sich einmal mit der heutigen Namensgebung von Haustieren auseinandersetzt, wird schnell feststellen: Der Name von Hund, Katze und Maus sagt viel über sein Herrchen aus. Ähnlich wie die Vornamen von Kindern – man denke nur an Kevin, Justin oder Chantal – verraten die Namen für die lieben Vier­-beiner einiges über a) den Bildungsgrad des Haushaltes, das Alter von b) Tier und c) Herrchen sowie d) die Anzahl der noch im Haushalt lebenden Kinder beziehungsweise über e) die Anzahl der bisher versagten Enkel. Ich habe Freundinnen, deren Katzen heißen Findus, Kaiser oder Casimir – das sind klare Akademikerhaushalte. Findus ist sozusagen der Maximilian unter den Katzen, der Anti-Justin aller getigerten Vierbeiner. Meine Schwägerin hat wiederum zwei Katzen, die nennen sich Skinner und Scully. Was sagt uns das? Skinner und Scully sind zwei Figuren aus „Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI“, einer US-amerikanischen Fernsehserie, die in den 90ern ein echter Kra­cher  war. Ergo: Die Katzen sind älter als zehn und die Erwachsenen Ende 30. Unsere Nachbarn haben dagegen einen Rauhaardackel, der Paul heißt.   

»Findus ist der Anti-Justin aller Katzen.«

Ein Enkelersatz mit Bilderbuch-Namen, der auch in der Top Ten der beliebtesten Hundenamen auftaucht. Überhaupt, diese Top Ten liest sich wie die Namensliste von der Entengruppe unseres Kindergartens. Unser Sohn ist übrigens auch auf der Hundeliste vertreten auf Platz 9. Und unsere Tochter bei den Katzen auf Platz 7. 
Das würde mich ja alles nicht weiter kratzen, wenn uns nicht vor kurzem selbst Katzen zugelaufen wären. Da standen sie plötzlich auf der Terrasse, machten große Augen, brauchten Futter und einen Namen. Vielleicht Secco und Merlot? Hänsel und Gretel? Ginger und Fred? Natürlich wollten wir die besten Namen, die originellsten, dennoch auf keinen Fall welche, die Rückschlüsse auf a), b), c), d) oder e) zulassen beziehungsweise mit den Spielgefährten unserer Kleinen konform gehen. Also fragten wir (pädagogisch wertvoll!) unsere Kinder selbst. Hier die Vorschläge: Bierkatze, Gebüschfehler, Radiomoped und Dromedar-Pinguin. Die Rückschlüsse aus unserem Umfeld wären in diesem Fall klar gewesen: Total gaga, diese Familie. Also haben wir jetzt Arbeitstitel für die Katzen bis uns etwas Besseres einfällt. Namensdienliche Hinweise nimmt die Redaktion gerne entgegen... 

10/2016

Alexander D.Übel

Jetzt ist es raus, wissenschaftlich untersucht und damit unbedingt wahr, jedenfalls vielleicht: Lästern und Tratschen ist gut. „Experte: Tratschen ist gesund“, stand vor kurzem in der Zeitung. Das Tratschen stamme von der Fellpflege der Affen ab, sagt der Evolutionspsychologe Robin Dunbar, und ist damit also ganz natürlich. Wenn Sie sich jetzt fragen, seit wann Affen tratschen: Sie tun es nicht, jedenfalls nicht so direkt. Dunbar, britischer Forscher von der Universität Oxford, glaubt aber, dass Fellpflege dem Zusammenhalt der Gruppe diene. Und daraus müssten dann die menschliche Sprache und letzten Endes der Tratsch entstanden sein. Wer tratscht, erhöht die Anzahl seiner Sozialkontakte – und die sind überlebensnotwendig in jedem Gefüge, sagt der Experte.   

Ist das glaubhaft? Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Affe, und auf ihrem Baum brennt es. Sie haben nur eine Hand frei. Wen oder was nehmen Sie mit? Die Brut, den Partner? Die Lieblingsbanane? Alles möglich und auch wahrscheinlich. Aber ausgerechnet die Ober-Tratschbase? Doch wohl eher nicht... Dunbar jedenfalls glaubt, Tratschen sei gesund, denn viele Sozialkontakte brächten eine höhere Lebenserwartung. Das heißt: Wer tratscht und quatscht, lebt länger.   

»Es brennt. Wen oder was nehmen Sie mit?«

Aber warum interessieren sich so viele Menschen für Klatsch, der Leute betrifft, die sie gar nicht kennen und wohl auch nie treffen werden? Zum Beispiel Sprösslinge des Hochadels, Sportler, Models, verhaltensauffällige Musikanten, Promi-Friseure, Schauspieler und Schauspieler-Paare, die sich trennen? In dem Artikel wird gemutmaßt, Stars seien für viele Menschen „Rollenvorbilder“. Aber mal ehrlich: Verhalten Sie sich in der Schlange beim Bäcker wie Bud Spencer, wenn sich jemand vordrängelt? Machen Sie bei der Fußpflege einen auf Madonna? Spielen Sie Bruce Willis, wenn die Schwiegereltern spontan klingeln? 

Die Wahrheit ist vermutlich: Wir sehen all diese reichen, berühmten, schönen Menschen, die ihr sorgloses Leben Raffaelo-essend in warmes Licht getaucht verbringen – und stellen dann fest, dass sie die gleichen charakterschwachen Lumpen sind wie wir selbst. Sie pöbeln, saufen und betrügen. Sie sind in Wahrheit auch nicht besser als wir, vielleicht sogar schlimmer. Nehmen vom brennenden Baum die hübsche junge Affendame mit und nicht die tratschende Affenoma. Es ist einfach so: Das zu wissen, ist beruhigend...

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