40 Tage machen noch lange keinen Sommer

Birgit M. Eckert
04/2017

Mann, bin ich froh, wenn endlich Ostern ist. Wenn sie wieder normal werden, all die Freunde und Kollegen um mich herum, die die letzten 40 Tage so tapfer waren und gefastet haben. Wenn der Magen wieder voll, das Handy wieder an und das Amazon-Konto wieder belastet ist. Auf was für Ideen aber alle inzwischen auch kommen! Fasten scheint der neue Hype zu sein, der Zweitversuch für all jene, die mit ihren guten Vorsätzen zum 1. Januar bereits im Februar gescheitert sind. Es ist ja auch viel einfacher, weil zeitlich beschränkt. Sechs Wochen dauert die Fastenzeit, und bitteschön, so lange wird man sich ja wohl mal beherrschen können. Und weil alle so supermotiviert sind, langen sie gleich voll zu, indem sie so gut wie allem gleichzeitig entsagen: Alkohol, Süßkram, Geld ausgeben, unnötige Dinge im Internet bestellen, das abendliche Fernsehen, den Aufzug benutzen und – der letzte Schrei! – der Verzicht aufs Smartphone.

Und dann sitzen ­sie da, die Kollegen in der Mittagspause, bei einem stillen Wasser mit ihren trockenen Tofutalern, labern esoterische Weisheiten wie „die Mitte finden, weißt du“, damit auch alle merken, hui, die meinen es wirklich, wirklich ernst.   

»Die Jeans hat schon einen Boyfriend-Look.«

Und man selbst bekommt dabei kaum noch seinen Wurstsalat mit Pommes runter. Die Diät-Polizei ist unterwegs – und man kann ihr kaum entkommen. Die Zeitschriften am Kiosk haben sich abgesprochen und machen mit Titeln über Body-Mass-Index, Sixpack oder „18 Kilo runter in 40 Tagen“ auf. Die Kollegin mailt nach der Halbzeit, dass die viel zu enge Jeans „jetzt schon einen ganz leichten Boyfriend-Look hat“. Der Teilzeit-Veganer twittert jeden Tag sein aktuelles Gewicht wie den neusten Aktienkurs.

Und man selbst? Man fühlt sich klein, ausgeschlossen aus der Kommune der Askese, der glückseligen Nichtesser und Entsager... Aber ich sag euch jetzt mal was: Ihr geht mir auf den Keks mit eurem Hype. Und dieser Keks ist nicht aus Vollkorn und auch nicht glutenfrei, geschweige denn pflanzenbasiert. Er hat Kalorien und erübrigt die Sache mit der Suche nach der Mitte. Die sehe ich nämlich bei mir sofort. Ich sehe sie jedesmal, wenn ich in den Spiegel schaue! Über euren blei­benden Erfolg sprechen wir im nächsten Jahr. 40 Tage machen schließlich noch keinen Sommer! Und bis dahin hole ich auf – ab durch die Mitte sozusagen!