Bienentanz und Popowackeln vor dem Kühlregal

Birgit M. Eckert
10/2019
Diese neuen Supermarkt-Kühltheken überfordern mich. Diese optisch wunderschön peppigen Kühlregal-an-der-Wand-30-Meter-Strecken, die es neuerdings überall gibt und die mit diesen Automatik-Türen ausgestattet sind. Ein angedeutetes leichtes Winken in der Mitte der Tür soll angeblich ausreichen, damit sich geräuschlos, sanft und fast mediativ die Glastüren öffnen und wieder schließen wie einst im Märchen: Simsalabim – Sesam öffne dich!
Doch was tut sich bei mir? Nichts. Als wäre ich Ali Baba mit Gedächtnisverlust stehe ich erst einmal weiter da wie die Kuh, wenn es blitzt. Denn die Türen reagieren nicht auf meine Bewegung. Da hilft kein Winken und kein Wanken, es funktioniert bei mir einfach nicht. Ich habe wirklich alles versucht: Mit in der Luft wedelnden Ärmchen, die den Bienentanz imitieren - nichts passiert. Mit einer karateähnlichen Selbstverteidigungs-Geste, bei der die Hand Richtung Türmitte schießt, um kurz vor dem Glas abrubt innezuhalten - nada. Mit Wischen von oben nach unten. Mit Wischen von links nach rechts. Mit Wischen mit beiden Händen. Mit Drehung des ganzen Körpers.    

»Von der Lätta bis zum Sahnejoghurt«

Mit einem, zwei, drei, vier, fünf bis zehn Fingern. Mit Popowackeln. Mit sanfter Berührung. Mit nicht mehr ganz so sanfter Berühung. Mit richtiger Berührung. Mit fester Berührung. Und schließlich: mit roher Gewalt, indem ich an die Tür hämmere. Und siehe da: Sesam öfffnet sich. Allerdings nicht geräuschlos, sanft und fast mediativ, sondern laut vibrierend mit wackelnden Scheiben und einem unangenehmen Klopfton, der sowohl bis zu den Kaffeepads in Gang 14 als auch zu den Color-Waschmitteln in Gang 9 zu hören war.  Besser ist. Denn dieses Geräusch hört ja auch bei geöffneten Türen nicht mehr auf. Es hämmert, vibriert und scheppert und überträgt sich auf weitere Glaselemente, so dass sich die Kühlstrecke in Sekunden in eine Klagemauer verwandelt, deren gesamter Inhalt von der Lätta bis zum Sahnejoghurt mich böse anzuschauen scheint. Inklusive der Fachverkäuferin, die sich genervt und kopfschüttelnd nähert und mit einer ebenso rätselhaften Bewegung ihres Armes diesem Getöse ein Ende bereitet. Staunend lässt sie mich mit offenem Mund zurück, bevor ich merke, dass ich vergessen habe, das Gewünschte aus dem Kühlregal zu nehmen. Spontan entscheide ich mich um und für eine Dosensuppe. Auch lecker!