Der Affe in dir und der Affe in mir

Alexander D.Übel
10/2016

Jetzt ist es raus, wissenschaftlich untersucht und damit unbedingt wahr, jedenfalls vielleicht: Lästern und Tratschen ist gut. „Experte: Tratschen ist gesund“, stand vor kurzem in der Zeitung. Das Tratschen stamme von der Fellpflege der Affen ab, sagt der Evolutionspsychologe Robin Dunbar, und ist damit also ganz natürlich. Wenn Sie sich jetzt fragen, seit wann Affen tratschen: Sie tun es nicht, jedenfalls nicht so direkt. Dunbar, britischer Forscher von der Universität Oxford, glaubt aber, dass Fellpflege dem Zusammenhalt der Gruppe diene. Und daraus müssten dann die menschliche Sprache und letzten Endes der Tratsch entstanden sein. Wer tratscht, erhöht die Anzahl seiner Sozialkontakte – und die sind überlebensnotwendig in jedem Gefüge, sagt der Experte.   

Ist das glaubhaft? Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Affe, und auf ihrem Baum brennt es. Sie haben nur eine Hand frei. Wen oder was nehmen Sie mit? Die Brut, den Partner? Die Lieblingsbanane? Alles möglich und auch wahrscheinlich. Aber ausgerechnet die Ober-Tratschbase? Doch wohl eher nicht... Dunbar jedenfalls glaubt, Tratschen sei gesund, denn viele Sozialkontakte brächten eine höhere Lebenserwartung. Das heißt: Wer tratscht und quatscht, lebt länger.   

»Es brennt. Wen oder was nehmen Sie mit?«

Aber warum interessieren sich so viele Menschen für Klatsch, der Leute betrifft, die sie gar nicht kennen und wohl auch nie treffen werden? Zum Beispiel Sprösslinge des Hochadels, Sportler, Models, verhaltensauffällige Musikanten, Promi-Friseure, Schauspieler und Schauspieler-Paare, die sich trennen? In dem Artikel wird gemutmaßt, Stars seien für viele Menschen „Rollenvorbilder“. Aber mal ehrlich: Verhalten Sie sich in der Schlange beim Bäcker wie Bud Spencer, wenn sich jemand vordrängelt? Machen Sie bei der Fußpflege einen auf Madonna? Spielen Sie Bruce Willis, wenn die Schwiegereltern spontan klingeln? 

Die Wahrheit ist vermutlich: Wir sehen all diese reichen, berühmten, schönen Menschen, die ihr sorgloses Leben Raffaelo-essend in warmes Licht getaucht verbringen – und stellen dann fest, dass sie die gleichen charakterschwachen Lumpen sind wie wir selbst. Sie pöbeln, saufen und betrügen. Sie sind in Wahrheit auch nicht besser als wir, vielleicht sogar schlimmer. Nehmen vom brennenden Baum die hübsche junge Affendame mit und nicht die tratschende Affenoma. Es ist einfach so: Das zu wissen, ist beruhigend...