Der fast überflüssige Arm des Homo Sapiens

Birgit M. Eckert
07-08/2015

Ohne Smartphone geht bekanntlich nichts mehr. Vor allem beim Wetter. Früher, ja früher, öffnete der Homo Sapiens morgens sein Fenster, atmete einmal tief durch, blickte prüfend Richtung Himmel und unterschied zwischen wolkenlos, ein paar Wolken, bewölkt und schwarz bewölkt. Dann streckte er den Arm ins Freie und zog nach ein paar Sekunden Bilanz: Arm nass = Regen, Arm Gänsehaut = kalt, Arm weiß = Schnee und Arm  warm = Sonne. Dann zog er den Arm zurück und sich entsprechend an. 
Irgendwann kamen dann die Profis und sagten uns im Fernsehen, wie das Wetter morgen und übermorgen so wird. Fachbegriffe wie Cumulus-Wolken, Hochdruckgebiete und Tiefausläufer zogen in unseren Wortschatz ein: „Nach Wolkenauflösung am Montagvormittag gebietsweise sonnig, später heiter bis wolkig, meist trocken. Am Dienstag und Mittwoch stark bewölkt bis bedeckt mit einer Luftfeuchte um 50 Prozent; das Regenrisiko liegt vormittags bei 20, am Nachmittag bei 85 Prozent.“ Da kam der Arm des Homo Sapiens natürlich nicht mehr mit.  

»Wenn der Han kräht auf dem Mist

Aber nicht nur der Arm, auch das Fernsehen bekam bald Konkurrenz. Von den Wetter-Apps, die den Arm des Homo Sapiens nur insofern nicht überflüssig machten, weil an diesem noch ein paar Finger dran sind, mit denen man diese Apps eben bedient. Und das sind ja auch tolle Dinger! Der Homo Sapiens weiß nämlich jetzt über die stündliche Entwicklung des Wetters Bescheid. So wird es heute mittag um 16 Uhr mit einer Wahrscheinlichlichkeit von 50 Prozent regnen, sagt mein Smartphone.  Aha, zu 50 Prozent also. Meine Omma hätte diese Prognose wohl so zusammengefasst: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich‘s Wetter oder es bleibt wie‘s ist.“ Sind auch 50 Prozent, oder?!
Das Tolle an den Apps ist übrigens auch, dass es viele von ihnen gibt. Und wenn man genau hinschaut, weichen diese in ihren 5-Tages-Prognosen auch mal gerne voneinander ab. Meine Freundin Anja hatte vor ihrer Hochzeit sage und schreibe 13 verschiedene Apps im Blick, um sich jeweils stündlich für die zu entscheiden, die am meisten Sonne für ihren großen Tag vorhersagte. Geregnet hat‘s an ihrer Hochzeit leider trotzdem. Ich hab‘s sofort gemerkt auch ohne Blick auf die App. Woran? Mein Arm wurde nass.

 

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