Der Name der Suppe

Alexander D.Übel
11/2018

Gehen Sie manchmal mit ausländischen Kunden und Gästen essen? Oft ist es ja so: Ihre charmante Sitznachbarin spricht nur Sprachen, die Sie nicht beherrschen – plus natürlich Englisch, was Sie so Pi mal Daumen können. Das reicht auf jeden Fall zum Smalltalken, gerät aber ins Wanken, wenn auf der Karte eine Vierländer Hochzeitssuppe steht. „Excuse me, please, the Vierländer Hochzeitssuppe – what is this?“, möchte die nette Tischnachbarin wissen. Sie überlegen: four country wedding soup? Klingt ganz ok, hilft aber nicht viel weiter. Sie wollen gerade Ihr Smartphone zücken, als der Herr Ihnen gegenüber ungefragt zu einer länglichen Erklärung mittelalterlicher Hochzeitsgebräuche der höheren Stände ansetzt, auf Englisch. Daher kommt der Name der Suppe. Ihr Smartphone sagt: Foursome wedding soup. 

Die Deutschen können eigentlich ganz gut Englisch, muss man sagen – jedenfalls verglichen mit manchen anderen, die hier ungenannt bleiben. Nur dass sie sich gern mal eigene englische Begriffe für Dinge ausdenken, die ihnen auf Deutsch vielleicht zu wenig crazy klingen. Am bekanntesten ist wohl das public viewing, das für englische Muttersprachler so etwas wie die öffentliche Aufbahrung von Verstorbenen bedeutet.    

»What's Forelle in English, please?«

Und für live broadcast oder public screening ist es zu spät – das public viewing hat sich im Deutschen ungeachtet der zuletzt unterirdischen Leistungen im Fußball so festgesetzt wie das Handy (englisch: cellphone) oder der Pullover (englisch: jumper). Nach der Vierländer Hochzeitssuppe gibt es gegrillte Forelle. Ihre charmante Tischnachbarin schaut sich um und fragt in die Runde „What’s Forelle in English, please?“. Ja, was eigentlich? Sie wollen gerade „Forell!“ sagen, aber ein Zweifel hält Sie erneut zurück.

Sie wollen schon wieder das Smartphone zücken, da sagt der Mann gegenüber mit großer Selbstverständlichkeit: trout. Nun wissen Sie es auch. Aber merken müssen Sie es sich noch – damit Sie beim nächsten Mal so eloquent wie der Angeber Ihnen gegenüber ­auftreten. Aber wie? Manchmal helfen Sinnsprüche. Wie wär‘s mit dem: Have a trout and be proud, have a forell and go to hell? Gar nicht mal so schlecht, finden Sie, oder? Ihre Tischnachbarin schaut Sie irritiert an. Und Sie verwerfen den Gedanken wieder, sich einen schönen Merkspruch auf Englisch zur Vierländer Hochzeitssuppe auszudenken.

 

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