Die cringen Nachbarn aus der Steinzeit

Alexander D. Übel
03-04/2022

Die Nachbarskinder kommen vorbei: Netflix geht nicht, Internet ist tot, bei euch auch? Ja, bei uns auch. Die ganze Straße ist von der Welt abgekoppelt. Das Gefühl des Abgeschnittenseins ist in den Gesichtchen schmerzhaft ablesbar. Wir sind versucht zu sagen „lest doch ein gutes Buch“, wollen uns aber nicht so massiv in die Erziehung einmischen. Was, fragen die Nachbarskinder, habt ihr eigentlich früher gemacht, als ihr Kinder wart und Netflix und das Internet gingen nicht? Wir entschließen uns, ihnen die Wahrheit zu sagen. Schlimm, aber das Leben war eben hart früher. Denn, liebe Kinder: Es gab noch gar kein Internet. Und nur drei Fernsehprogramme. Man musste in einer Zeitschrift nachgucken, wann was kommt und dann die Eltern bequatschen, um samstags „Lassie“ oder „Die Waltons“ sehen zu dürfen. Die Kinder sagen, sie hätten so etwas schon einmal gehört, das aber ins Reich der Sagen einsortiert. Wie wir schonmal dabei sind, lassen wir die Katze gleich ganz aus dem Sack: Wenn ihr telefonieren wolltet und nicht zu Hause wart, musstet ihr in gelbe Blechkabinen gehen, die draußen auf der Straße standen und meistens schmuddelig waren.

Da habt ihr Münzen eingeworfen, so genannte Groschen, und an einer Scheibe gedreht. Dann ging die Mutter eurer besten Freundin/eures besten Freundes ans Telefon und man musste sie sehr, sehr höflich bitten, mit dem gewünschten Kind verbunden zu werden. Sein Anliegen musste man schnell loswerden, denn nach wenigen Minuten war die Zeit um, und wenn man nicht weitere Groschen nachwarf, wurde die Verbindung ohne Warnung getrennt. Die Kinder sagen daraufhin erstaunlicherweise nicht, dass ihnen sehr leid täte, was die armen Nachbarn als Kinder durchmachen mussten. Vielmehr wirken sie pikiert. Peinlich berührt, Tür an Tür mit solchen Freaks leben zu müssen, deren Dasein irgendwann zwischen Steinzeit und Mittelalter begonnen hatte. Wir wollen noch sagen „Hey! Wir hatten eine schöne Kindheit! Wir haben nichts vermisst!“, aber da sind die Nachbarskinder schon weg. Spielen. Vermutlich bauen sie gerade mit Lego die schockierende Kindheitswelt ihrer cringen Nachbarn nach. Für die Telefonzelle werden sie viele gelbe Steine brauchen. Gern hätten wir ihnen noch hinterher gerufen: „Wir hatten einen der ersten Fernseher mit Fernbedienung. Die hatte nur vier Tasten! Und ein Kabel zum Fernseher war unten dran…“ .

 

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