Ein Lob am Rand des Wahnsinns

Alexander D. Übel
02/2022

Was ist eigentlich aus den großen Ankündigungen aus der Zeit zwischen den Jahren und der Silvesternacht geworden? Was hatten Freunde und Familie (und man selbst) doch nicht alles vollmundig an guten Vorsätzen verkündet. Nicht mehr so viel Fleisch essen (na klar), und wenn, dann nur bio (natürlich). Nicht mehr rauchen (darf ja nicht fehlen), sich mehr (oder auch überhaupt mal) zu bewegen. Mehrfach genannt wurde „weniger trinken“ oder gleich „gar nichts mehr trinken“ (sehr beliebt gerade am Neujahrsmorgen). Im Mittelfeld lag „achtsamer zu sein“/„öfters in sich reinzuhören“ gefolgt von „sich nicht mehr so stressen zu lassen“. Einer aus der kleinen Gruppe wollte im neuen Jahr seltener betrunken online shoppen. Eine andere war für Digital Detox.

Ein Paar aus dem Bekanntenkreis, gestählt durch nicht immer nur lustige Ehejahre, abgehärtet durch den Beziehungsalltag und bis dahin eher für gegenseitige Belehrungen bekannt, hatte sich insgeheim vorgenommen, einander mehr zu loben. Und fing gleich damit an. „Der Kuchen ist großartig, Renate“, sagte er zu unserer Überraschung zu seiner Frau. „Danke, Harald. Sehr schöne Musik hast du da aufgelegt“, erwiderte sie. Wir warfen uns fragende Blicke zu. Später folgten die Preisungen einer Bratensoße (von ihm, „großartig“ sagte sie) und eines Desserts von ihr (Er: „Mmmmmh – ein Träumchen“), die Beschreibung eines beruflichen Erfolges durch sie (Harald: „spektakulär!“) sowie ein überraschend ausführlicher Bericht über die von ihm konzipierte und umgesetzte Schmückung des Weihnachtsbaumes (Renate: „wun-der-schön!“). Die Stimmung war gleich viel besser als sonst. Wir waren tief beeindruckt. Schließlich haben wir die Loberei am Rande des Wahnsinns für uns als Vorsatz fürs neue Jahr übernommen. „Du legst die Kartoffeln beim Raclette nicht ins Pfännchen, sondern oben auf die heiße Platte? Super Idee.“ „Und du hast den Müll schon runtergebracht? Beeindruckend.“ Bei uns ist jetzt alles epochal, visionär, bahnbrechend, atemberaubend. Nicht so Tolles („Hast du etwa geraucht?“) fällt untern Tisch. In ein paar Wochen werden wir alle aus der kleinen Gruppe zumindest am Bildschirm wiedergesehen haben. Unser Vorsatz für die Treffen: einander zu loben, bis es kracht. Und bloß nicht nach den Vorsätzen der anderen zu fragen.