Ein sanftes Knacken, ein kurzes Schlürfen

Alexander D.Übel
07-08/2019

Nach Smartphones mit Sprachassistenten und sprechenden Uhren gehört der E-Scooter zu den neusten Spielzeugen des Technikfreunds. Es kann nun nicht mehr lange dauern, bis auch der elektrische Tretroller „intelligent“ wird, zuhören und sprechen lernt und uns per Zuruf zum nächsten Baggersee navigiert. Daran war vor vierzig Jahren nicht zu denken, als der Walkman auf den Markt kam. Er verstand uns nicht und gab gar nicht erst vor, intelligent zu sein. Laute gab er nur von sich, wenn man eine Kassette einlegte und dann auf „Play“ drückte. Wer heute einen frühen original Walkman in die Hand nimmt, wundert sich vielleicht über die orangefarbene „HOT LINE“-Taste. Wenn man die drückte, wurde die Musik leiser und ein eingebautes Mikro machte den Nutzer kurzfristig ansprechbar für die Außenwelt.

Man hätte bei Rückfragen von außen eigentlich auch einfach nur kurz den Kopfhörer abnehmen können, aber das wollte man dem User damals vielleicht nicht zumuten. Er wollte seine Kassette hören, die in der Regel selbst aufgenommen war. Unmittelbar vor dem ersten Stück war meistens ein sanftes Knacken und dann ein kurzes Schlürfen zu hören. Das war etwas, was  der Plattenspieler machte, wenn man die Nadel aufsetzte, und das wurde mit auf die Kassette aufgenommen – ein Geräusch, das heute verschwunden ist.    

»Niemals Herzchen auf das Mixtape malen«

Wenn man jemanden gut fand und vielleicht näher kennenlernen wollte, überreichte man ihr oder ihm ein Mixtape: eine selbst aufgenommene Kassette mit speziell ausgesuchten Stücken aus der eigenen LP-Sammlung. Die Hülle und die Kassette selbst beschrieb und verzierte man – mit Zeichnungen, Aufklebern und Bandlogos, aber nie mit Herzchen. Das wäre gerade bei Anbandel-Kontaktaufnahmen uncool gewesen und hätte das Anliegen sofort zunichte gemacht. Kassetten kann man heute noch bekommen, aber selbst wenn man es schaffen würde, eine zu bespielen – wer könnte sie hören? Vielleicht übernehmen demnächst ja die kommunizierenden E-Scooter den Mixtape-Anbandel-Job. Man pirscht sich mit seinem Roller an die ebenfalls rollernde Außerwählte heran und gibt dem eigenen E-Scooter-Sprachassistenten die Aufgabe, dem Sprachassistenten des intelligenten Rollers der Außerwählten ein virtuelles (herzchenfreies) Digital-Mixtape anzutragen... Manches ist auch vierzig Jahre nach dem Walkman nicht einfacher geworden.