Griesgrämig durch die Dekaden

Birgit M. Eckert
07-08/2018

Wenn sich der Stempel des Personalausweises seinem Verfallsdatum nähert, dann fühlt man sich ab einer gewissen Anzahl von Dekaden vor allem eines: alt. Und man muss der Wahrheit des Alterns mit einer Brutalität ins Auge schauen, die in Zeiten von 
Photoshop längst vergessen war. Diese Wahrheit nennt sich  biometrisches Passbild. Die wichtigsten Anforderungen sind: Das Passfoto bildet das Gesicht absolut frontal ab. Der Blick ist direkt in die Kamera gerichtet. Lächeln verboten – gefordert wird ein „neutraler Gesichtsausdruck“. Der Hintergrund ist einfarbig, weiß, hellgrau oder grau. Und es gibt keine Schatten im Gesicht oder auf dem Hintergrund. Das Ergebnis ist in der Regel ein Passfoto, das wunderbar in jede „Aktzenzeichen XY... ungelöst“-Ausstrahlung passen würde: „Gefunden wurde die Wasserleiche am Flussufer von...“ Wer hat sich sowas denn nur ausgedacht?! Da läuft man jetzt die nächsten zehn Jahre mit einem Dokument durch die Gegend, das einen abbildet wie man in zwanzig Jahren vielleicht einmal aussehen wird – vorausgesetzt, das Licht kommt ein wenig weicher von der Seite, der Aufnahmewinkel ein wenig mehr von oben und die fünfprozentige Schmälerung sowie Tönung ist erlaubt wie bei Tinder, Facebook und Instagram.    

»In einer dunklen Zelle, bei Torte und Bier...«

Aber so!? Das Bild ist schlicht und ergreifend eine Natur-Katastrophe, die die Natur-Katastrophe von vor zehn Jahren in nie geglaubter Weise in den Schatten stellt. Als hätte man die Zeit zwischen den beiden Ausstelldaten in einer dunklen Zelle verbracht, bei Torte, Hamburger und Bier allerdings, schließlich ist man gefühlt noch blasser und in echt noch faltiger und vor allem breiter geworden. Griesgrämig und mit schiefem Mundwinkel – ich dachte, ein angedeutetes Lächeln würde alles etwas lockerer machen – schaut man nun aus seinem Dokument, das man vorzugsweise braucht, wenn man gut gelaunt in den Urlaub starten will. Aber mit einem Blick darauf ist die gute Laune schnell dahin... Da gibt‘s nur eine Lösung: Ab in den Urlaub ohne Grenzen, mit dem Auto nach Frankreich, nach Italien oder so. Da kann man das Bild des Grauens in der Handtasche belassen und bester Stimmung durchstarten. Achten Sie allerdings auf Blitzer entlang der Strecke: Über deren Fotoqualität hört man auch selten Gutes...

 

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