Herr Mähdorn und die Gewöhnliche Gierschdistel

Birgit M. Eckert
06/2019
Bislang sah unser Rasen hinterm Haus aus wie eine Mischung aus mitteleuropäischem Urwald und ausgetrockneter Sumpfmatschwiese: wild, ungepflegt und chaotisch. Doch damit ist jetzt Schluss, denn wir haben einen neuen Mitbewohner. Besser: meine Kinder und ich haben einen neuen Mitbewohner, mein Mann eine neue Liebe mit dem Namen Worx Land-roid S300. Die Spezialisten unter uns wissen es längst, es handelt sich um einen Rasenmähroboter. Seit dieses Gerät unseren Außenbereich bezogen und direkt unter Kontrolle genommen hat, nähern sich die Katzen nur noch mit Ehrfurcht der Terrassentür, und die Kinder halten gegen ihre Gewohnheit Ordnung auf dem Rasen, nachdem zuerst das Netz eines Fußballtores und zuletzt das Luftmatratzenkrokodil mit einem bedauerlich langgezogenen „Pfffff“ Opfer des Worx wurden. Drei Mal die Woche, Punkt 14 Uhr, verlässt der gute Mitbewohner, der feierlich mit einem Kasten Bier auf den Namen Herr Mähdorn getauft wurde (mein Mann arbeitet bei der Deutschen Bahn), seine Garage und macht sich auf den Rasen.    

»Gemäß der Deutschen Rasengesellschaft e.V.«

Hier kann man zuerst einmal feststellen, dass rasend nicht von Rasen kommt. Gemächlich beginnt der Worx die programmierte Schnitthöhe von 4,2 Zentimeter gemäß der Empfehlung der Deutschen Rasengesellschaft e.V. für Gebrauchsrasen einzuraspeln. Natürlich steht mein Mann am Rande des Green und verfolgt mit verzückten Blicken die Aktion anstatt die frei gewordene Zeit – wie mir gegenüber hoch und heilig versprochen – auf die Pflege des Vorgartens zu konzentrieren (683 Euro Ausgaben müssen ja gegenüber der weiblichen Bauleitung begründet werden). Überhaupt erscheint der Vorgang derart wichtig als würden wir morgen den kompletten DFB, die Queen höchstpersönlich oder zumindest Lord und Lady Hesketh-Fortescue vom Landsitz North Cothelstone Hall (wer sich an Loriot erinnert, weiß wovon ich rede) zu einer Gartenparty erwarten. Was eine mittlere Katastrophe wäre, weil vor dem Haus weiter eine Dreifaltigkeit aus Löwenzahn, Brennnessel und Kriech-Quecke herrscht, neuerdings flankiert vom Gewöhnlichen Gierschdistel. Aber Hauptsache hinterm Haus ist die Welt in Ordnung. Für vorne werde ich mir dann halt einen Gärtner holen. Gleiches Recht für alle: Mein Mann hat ja jetzt schließlich auch eine „Mähtresse“.