Maskierte Münder, befreite Busen

Alexander D.Übel
07-08/2020

Vor Kurzem fand sich auf nzz.ch eine Kolumne mit der interessanten Überschrift „Die Corona-Krise brachte viele Zwänge. Den Busen hat sie befreit“. Es ging im Text unter anderem darum, wie sich Frauen in Zeiten des pandemiebedingten Home Offices zunehmend ihrer Büstenhalter entledigten und so eine „neue Freiheit“ erlangten. Als Mann meint man da vielleicht mitreden zu können, muss es aber nicht. Vielleicht ist es angebracht, einfach mal still zu sein, zuzuhören und etwas dabei zu lernen. Wo wir uns dann wieder einbringen können, ist beim so genannten Kinn-BH, der weiblich/männlich/divers betrifft. In den vergangenen Wochen war er vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln und beim Einkaufen zu besichtigen. Also dort, wo man zwar Maske tragen muss, zugleich aber vermeintliche Lässigkeit demonstrieren konnte, indem man den Lappen nur knapp unterm Mund trug. Eine Provokation, die bei weitem nicht nur testosteronbeladene Jungmänner vollführten. Klug? Sicher nicht. Provokativ? Für manche schon. Sexy? Na ja.    

»Ihr kommt sicher aus Deitschland.«

Kinn-BH-Trägern wird es vielleicht nicht aufgefallen sein, aber je länger die Pandemie andauerte, desto stylischer wurden die Masken – das blaue oder grüne Einwegläppchen wich zusehends der Individualmaskierung. In gut betuchten Gegenden wurden Damen gesehen, deren Burberry-Maske fein abgestimmt auf die Garderobe gewählt war, während in Fußgängerzonen Händler Mund-Nase-Bedeckungen anboten, die sich digital mit dem persönlichen Lächeln bedrucken ließen. Wer nach Österreich in den Urlaub fuhr, wurde dagegen eine Zeit lang in manchen Orten angestarrt, wenn er es für notwendig erachtete, dort maskiert zum Einkaufen zu gehen. Die Blicke, die Maskenträger dort ernten konnten, waren – sagen wir es so – neugierig-amüsiert. Ein Taxifahrer sprach aus, was in seinem Gesicht geschrieben stand: „Ihr kommt‘s sicher aus Deitschland. Wo woit‘s hin?“. Für die Maske spricht: Schutz für sich und andere, je nach Ausführung. Gegen die Maske spricht: eigentlich nichts, aber sie erschwert schon die Kommunikation. Eine Unterhaltung zweier Maskenträger durch eine Plexiglasscheibe inklusive mehrerer um Eis flehende Kinder ist herausfordernd. Einem Taxifahrer das gewünschte Ziel zu nennen, ist dagegen trotz Maske einfach: „Nach Mnfffstglingen, bitte.“ .

 

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