Schwein oder nicht Schwein, das ist hier die Frage

Alexander D.Übel
05/2015

„Die Wurst ist die Zigarette der Zukunft.“ Christian Raufuss, der Chef der Wurstfirma Rügenwalder Mühle, hat diesen seltsam schönen Satz gesagt – so stand es jedenfalls zuletzt im Magazin Spiegel. Gemeint hat er damit nicht, dass wir bald alle Landjäger paffen oder Selbstgedrehte aus Lyoner rauchen. Vielmehr glaubt er, dass es bald aus der Mode kommen wird, Wurst zu essen – so, wie es das heute mutmaßlich schon mit dem Rauchen ist. Vermutlich hat der Mann belastbare Zahlen, die das belegen.

Die Alltagsbeobachtung zeigt etwas anderes: Es wird, außer in Restaurants und in manchen Kneipen, gequarzt wie eh und je. Und Fleisch essen ist verpönt? Eher gilt außerhalb der Großstadt als sonderbar, wer sich als Vegetarier outet. Sagen Sie mal in Bayern, im Ruhrgebiet, in Schwaben: „Für mich kein Schnitzel bitte, ich bin Vegetarier.“ Stille tritt ein, man sieht Sie an mit dieser Mischung aus Neugier, Belustigung und Entsetzen. „Wie? Ach so? Aha. Na ja“, sagen die Blicke der Leute am Tisch. Der über Medien kommunizierte Mainstream dagegen behauptet: Fleisch ist out, rauchen ist out, und Alkohol trinken ist ja wohl auch out. In Berliner Kneipen können Sie jetzt „vegane Limonade“ bestellen. Sicher kommen bald die ersten veganen Smartphones auf den Markt.  

»'Wie? Ach so? Aha. Na ja', sagen diese Blicke

Sogar die Limo-Kombination Apfel-Paprika bekommen Sie inzwischen. Aus Sex and drugs and Rock‘n‘Roll wurde Yoga, Mate-Limo und Helene Fischer. Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Tatsächlich sehen Sie abends zum Beispiel in den belebteren Straßen von Berlin und an vielen anderen Orten kaum Menschen ohne das so genannte Wegbier in der Hand, den allgegenwärtigen Ausgehbegleiter. Es handelt sich bei dieser eigenartigen Form der neuen Askese ohne Fleisch, Rauch und Rausch wohl in erster Linie um ein Medienereignis, das von der Realität nur in Ausnahmen gestreift wird. 

Oder doch nicht? Bereits drei Monate nach Einführung der neuen vegetarischen Produkte der Rügenwälder Mühle sind Medienberichten zufolge vier der zehn meistverkauften Waren der Firma fleischlos. Eigentlich sollten 2020 dreißig Prozent des Gesamtumsatzes mit vegetarischen Produkten erzielt werden, nun wird es wohl schon Ende 2016 so weit sein. Schön. Eine Frage bleibt aber unbeantwortet: Warum kaufen fleischlos lebende Menschen eigentlich Produkte, die sie möglichst an Fleisch erinnern sollen? 

 

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