Selbstoptimierer trinken keinen „Träum süß“-Tee

Alexander D. Übel
09/2022

Eigentlich sollte es an dieser Stelle um Teenamen gehen. Um Regale, in denen nicht mehr einfach Hagebutten- oder Fencheltee stehen, sondern Tees, die „Zauber der Sinne“, „Atme dich frei“, „Hol dir Kraft“ und „Schlank und fit“  heißen. Tolles Thema, wäre interessant geworden. Doch es kam anders, denn der Nachbar stand an der Tür. Der Nachbar glaubte noch nie an „Schlank und fit“ durch Teetrinken, sondern an Selbstoptimierung. Früher gingen wir manchmal gemeinsam laufen, aber eines Tages musste es CrossFit sein, jedenfalls für ihn. Das heißt: laufen plus Seil springen, schwere Sachen herumtragen und auch noch Klimmzüge. Es klingt furchtbar anstrengend. Aber nicht für Selbstoptimierer. Selbstoptimierer wollen Effizienz. Struktur. Glück! Das versuchen sie zu erreichen, indem sie sich permanent mit anderen vergleichen. Selbstoptimierer haben Schrittzähler (jeden Tag mindestens 10.000), Pulsfrequenzmesser und zig Apps. Mit denen überwachen sie Körperfettanteil, Schlafdauer und -grund, Zahl der optimalen Kauprozesse pro Bissen, vermutlich auch die Speichelfließgeschwindigkeit. Sie führen ein digitales Tagebuch, in dem jede noch so nichtige Tätigkeit protokolliert wird (13.58 Uhr: nachgedacht, 14.02 Uhr: das notiert, 14.03 Uhr: gegähnt...). Nur so lässt sich der Tag optimieren. BWL am eigenen Körper.

»BWL am eigenen Körper. Oder Halma spielen?«

Komischerweise sind es fast nur Männer, die da an ihrem Leben herumoptimieren. Vielleicht ist das besser als sein Essen zu fotografieren und online zu stellen. Das hat der Nachbar noch nie gemacht – viel zum Posten hätte er eh nicht gehabt. Zuletzt stand er auf die „Fit ohne Geräte“-Videos: Der Körper ist das Gerät. In den Videos wird man von einem muskelbepackten ehemaligen Militärausbilder zu Höchstleistungen angespornt. Dabei war der Nachbar nie beim Bund. Beim Zivildienst hat er gern mit alten Damen Halma gespielt. Der Nachbar strahlt, als er jetzt in der Tür steht. Eine neue App? Nein, nein, sagt er, das mit der Selbstoptimierung sei vorbei, „alles sinnlos“. Er hat sich stattdessen gestern für 250 Euro ein gebrauchtes Schlagzeug gekauft, das jetzt im Keller steht und das er zeigen will. Analog, aus Holz und Metall. Schwarz. Der Nachbar sah noch nie so glücklich aus. Wir gehen in den Keller und machen damit mal so richtig Krach. Danach haben wir Lust auf ein Bier. Aber auch ein „Träum süß“ oder „Innere Ruhe“-Tee wären jetzt ok. 

 

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