Wie das Fernsehen der Zukunft aussieht

Alexander D.Übel
02/2015

Nein, es ist noch nicht so weit, dass man seinen Kindern erklären muss, was früher mal Fernsehen war. Aber es könnte bald so weit sein. Die Jugend sieht kaum noch klassisch fern und die Alten immer weniger. Den Verantwortlichen wird es langsam mulmig; vermutlich reiht sich gerade Meeting an Meeting in den Sendern. Was sollen wir dem Publikum bloß bieten? Castingshows sind durch, das Dschungeldings kann man ja nicht dauernd machen, Tatort gibt‘s schon und Bauern verkuppeln und betreutes Einkaufen auch. Mal was mit Wetten und Promis auf dem Sofa? Ging gerade irgendwie schief. Schlager, Frohsinn, Alpenmelodien? „Nee, lass mal, Thorben“, sagt der Redaktionsleiter. „Hey, wie wär‘s mit einem voll krassen Remake von ‚Disco‘?“, schlägt die Praktikantin vor. „Nein, Saskia-Larissa!“, schnaubt der Chef.

Die Rettung kommt aus Norwegen und heißt Slow TV. Weit mehr als die Hälfte der fünf Millionen Norweger sieht regelmäßig hin, wenn der öffentlich-rechtliche Sender NRK Fjorde zeigt, Flaggen im Wind, eine Kuh, die drei Schritte geht. Es gibt keine teuren Stars, keine schnellen Schnitte, keine Explosionen, aber auch keine dramatische Steigerung. Slow TV ist so, wie aus dem Fenster zu sehen.  

»Flaggen im Wind, eine Kuh geht drei Schritte.«

Warum die Norweger nicht einfach gleich aus dem Fenster schauen statt fernzusehen, ist nicht bekannt; vielleicht haben nicht alle Norweger Fenster oder Kühe oder Fjorde davor. Die Norweger haben sich übrigens inspirieren lassen – von den Deutschen. In den neunziger Jahren sendeten die dritten Programme manchmal spätnachts Weltraumbilder, unterlegt mit retro-futuristischen Elektroniksounds. Heute zeigt NRK zur besten Sendezeit Vogelbeobachtungen, Lachsfischen, strickende Menschen und „Die nationale Feuerholznacht“, in der Holz gehackt wird und Feuer abbrennen. Wer weiß, vielleicht ist die große TV total Stricknacht ja schon in Planung? Läuft das Casting für das ultimative RTL Ziegenmelken schon? 
    Vielleicht sollte mal jemand die Menschen fragen, die jeden Tag im Privatfernsehen auftreten, auf was die sich gerade vorbereiten. Das Promi-Fahrradflicken böte Stoff für drei Stunden Livesendung. Aber Vorsicht, die Konkurrenz schläft nicht. Das ZDF plant – und das ist nun wirklich wahr – einen Nachfolger für „Wetten, dass...?“. Dabei soll Johannes B. Kerner Prominente präsentieren, die Brettspiele spielen. Könnte spannend werden...

 

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