Zeitreise im Wartezimmer

Alexander D.Übel
09/2019

lm Wartezimmer sind alle gleich. Nicht, was Kassen- und Privatpatienten angeht natürlich, sondern was die dort ausgelegten Zeitschriften betrifft: Alle dürfen die gleiche Auswahl lesen. Aber die ist überall anders. Im Wartezimmer von Allgemeinmediziner Dr. A zum Beispiel liegen immer zehn bis 15 jüngere Ausgaben des „Stern“, bei Hautarzt Dr. B dagegen dürfen Patienten in zwei Jahrgängen des Magazins  „Yacht“ blättern. Will Dr. B etwa sicherstellen, dass seine Patienten stets umfassend über hochpreisige Wasserfahrzeuge informiert sind? Oder wusste er einfach nicht wohin mit den Heften, die ihm zu schade zum Wegschmeißen erschienen? Waren ja teuer genug. Beide Beispiele stammen übrigens aus der Realität, und man muss nicht zwingend von Sozialneid zerfressen sein, wenn man nüchtern feststellt, dass die Praxis von Dr. B deutlich üppiger als die von Dr. A ausgestattet ist.

Dr. C, ein Kardiologe, hat „Herz Heute“, das Magazin der Deutschen Herzstiftung, das sehr zu empfehlen ist, in der Auslage – wo sonst bekommt man das zu lesen? Internist Dr. D hat keine einzige Zeitschrift ausliegen. In der Kinderecke finden sich zwischen Bauklötzen und abgespielten Autos nur einige zerfledderte Pixi-Bücher, dafür können die Patienten den beiden Goldfischen im winzigen Aquarium beim Dahingleiten zusehen.    

»Nur einige zerfledderte Pixi-Bücher«

Die Fische scheinen sich seit zehn Jahren nicht verändert zu haben. Oder: Sind das etwa gar nicht mehr dieselben….? Den Vogel schießt Kollege E ab – ebenfalls ein Beispiel aus dem wahren Leben. In seinem Wartezimmer befindet sich eine Geo-Ausgabe mit der Schlagzeile „Paraguay: Ein Volk ohne Chance?“. Man wundert sich beim Blättern erst über die altmodischen Frisuren, dann über die Werbung für Zigaretten. Und Agfa Filme mit 24+3 Bildern. Noch einmal ein Blick auf die Titelseite. Da steht oben rechts das Erscheinungsdatum: Nr. 4, April 1989. Das ist entweder ein Fall von grober Unlust, das Wartezimmer wenigstens alle paar Jahrzehnte aufzuräumen oder ein perfider Plan: Die Patienten werden hier mit auf eine Zeitreise in ein Deutschland genommen, in dem Telefone ohne Kabel genauso wie der Mauerfall pure Science Fiction sind. Groß ist das Staunen; vergessen sind kurzzeitig Schmerz, Kummer und der steife Rücken, wenn man von einer Dame mit einem Glas der längst verblichenen Marke Dr. Koch’s Trink 10 in der Hand angestrahlt wird.