Axel Venn

Ausgabe: 
09/2015
"Vor Farbe sollte man keine Angst haben"
Der Farbforscher veröffentlicht eine erweiterte Neuauflage des Farbwörterbuchs

Wie beeinflusst Farbe den Wohnraum? Warum sind Farben an Empfindungen geknüpft? Wie können Einrichtungsprofis Farbe nutzen? Der Farbforscher Professor Axel Venn ist seit vielen Jahren als Referent und Autor in der Branche bekannt. Er ist die erste Adresse, wenn es um Farbe und deren Bedeutung geht. Wir haben ihn in Berlin getroffen – inmitten der Gemälde seiner jüngsten Ausstellung.

Eine ruhige Straße im gepflegten Charlottenburg; draußen führen Rentnerinnen gemessenen Schrittes ihre Hunde spazieren. Ein Hauch von Leinöl zieht durch den Kunstraum von Axel Venn. Der Geruch kommt von den Bildern, die Teil seiner Ausstellung „Farb-Affären“ sind. Die Wände, an denen die Gemälde hängen, sind hell und leicht getönt, aber nicht rein Weiß. Holzstühle mit der angenehmen Patina des intensiv Genutzten stehen im Raum. Eine große Industrielampe mit Blechschirm, so, wie sie in Berlin früher oft zu finden waren, verbreitet unaufdringliches Licht. Axel Venn kocht Tee. Auf seiner Visitenkarte steht: Farbe – Wissenschaft – Design – Trend. Auch nach seiner Emeritierung als Professor für Farbgestaltung und Trendscouting an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim gilt das. Nur hat er inzwischen etwas mehr Zeit zum Malen. Und zum Forschen an  seinem Lebensthema Farbe. 

In der Branche ist Axel Venn vor allem für seine Vorträge zum Thema Farbe auf Messen und Kongressen bekannt. Als Autor von mehr als 25 Büchern zum Thema, die in zwölf Sprachen übersetzt wurden, ist er nicht minder präsent. Das Farbwörterbuch ist vermutlich sein bekanntestes Werk. Darin haben mehr als sechzig Probanden zu vorgegebenen Adjektiven wie komfortabel, modern, natürlich, nützlich, edel, trendy oder archaisch Stimmungsbilder angefertigt. Diese wurden anschließend dem RAL Design System zugeordnet und in Farbskalen systematisiert. Die Auswertung der Daten erfolgte zusammen mit der diplomierten Designerin Janina Venn-Rosky. Als Farbwörterbuch 2 erscheint dieses Lexikon für Designer und Gestalter demnächst in einer vollständig überarbeiteten Neuauflage mit 1080 Seiten und rund 25.000 Farbabbildungen. 

Man kommt nicht als Farbforscher auf die Welt. Oder doch? „Ich habe das schon  immer gemacht mit der Farbe, schon als ich sechs Jahre alt war“, erinnert sich Venn. „Meine Mutter war Redakteurin und hat über kulturelle Dinge geschrieben. Wir waren jeden Monat zusammen in Ausstellungen unterwegs. Mit 18 habe ich an der Folkwangschule Design studiert, da war Farbe auch das zentrale Thema. Manche Kinder begeistern sich schon früh für Musik; so war das bei mir mit Farbe“, sagt er.
Fertig ist er mit dem Thema bis heute nicht, wie nicht zuletzt auch die anstehende Neuauflage des Farbwörterbuchs mit nun 500 Begriffen zeigt. Axel Venn hat dafür tausend Interviews geführt. Für hundert Farben hat er herausgearbeitet, in welchem Kontext diese zu  Sprache und Empfindung stehen. Was macht zum Beispiel ein bestimmtes Blau ansprechend, lieblich oder feudal? Jeder Farbe werden vierzig Begrifflichkeiten gegenübergestellt, denen die Probanden Bewertungen von schwach bis sehr stark zugeschrieben haben. „Damit kommt man dem nahe, was sich mit Farben ausdrücken lässt“, sagt Axel Venn

"Nur ein Weißton im Raum - das ist der Tod jeder Kommunikation."

Farbe muss sein – davon ist der Farbforscher überzeugt. „Prinzipiell braucht ein Raum Farbe, weil nur dann Kommunikation stattfinden kann. Darüber hinaus sollte der Raum zwei Charakteristiken aufweisen: Beruhigung und Anregung. Auf diesen Ebenen muss im Raum etwas passieren, das ist das Wesentliche. Nur ein Weißton im Raum – das ist der Tod jeder Kommunikation“, erklärt Axel Venn. Weiß empfindet er als „die schrecklichste Farbe“, als langweilig. „Wichtig für alle, die gestalten und einrichten, ist, dass sie mal von Weiß absehen“, rät er. Was also wäre die Alternative? Möglichst viel Farbe? Nein, sagt Venn, sinnvoll sei vielmehr ein Farbkonzept mit drei, vier, fünf Tönen, die sich dann durch alle Räume ziehen. Er zeigt auf die Wände des Ateliers, die nicht Reinweiß sind, sondern eine Tönung aufweisen. „Man kann Farben tönen. Auch Sorbetfarben sind gut, Pastellfarben. Hier in diesem Raum, in dem Gemälde entstehen, verzichte ich auf Farben an der Wand“ – sie würde stören. Der Einrichter aber, sagt Venn, könne seinem Kunden eine Farbskala erarbeiten und diese mit ihm besprechen. „Kolorieren Sie den Raum so, dass Sie sich zum einen bei Hochstimmung, zum anderen wenn Sie Beruhigung brauchen darin wohlfühlen“, empfiehlt Venn. 

In der Farbforschung interessiert Axel Venn derzeit am meisten „der metasprachliche Bereich von Farben, die Applle, die von ihnen ausgehen“. Mit Farbe lasse sich manipulieren, sagt er. Die metasprachlichen Inhalte und Aussagen ließen sich nutzen; jeder Farbton lasse sich genau auf seine Bedeutungsinhalte sezieren. Mit Farben könne man verkaufen, Emotionen auslösen. Es sei auch interessant, einen Gegensatz zu einer bestimmten Farbe zu finden, zum Beispiel sanft und kräftig. 
Diese eine Farbe, mit der sich etwas verkaufsfördernd präsentieren ließe, gebe es aber nicht – das könne je nach Kontext ein erregendes Blau genauso sein wie ein Rot, ein Lila, ein Gelb. Versuche der Industrie, sich bestimmte Farbtöne schützen lassen zu wollen, lassen ihn fassungslos zurück. „Ein Irrsinn“, sagt er, „eine Anmaßung“ sei das. Seine innige Verbindung zu Farbe scheint dem zu ähneln, was andere Menschen für Musik empfinden: Etwas, das allgegenwärtig ist, bereichernd, immer wieder inspirierend, aber auch gezielt einsetzbar. „Man soll die Farbe nutzen und nicht Angst vor ihr haben“, sagt er.

Ist das Empfinden von Farbe universell? Sieht jeder das Gleiche, wenn er Rot sieht? „Es gibt ein kollektives Meinungsbild, das ist sehr stark“ glaubt Axel Venn. Wer Farben nutze, habe Einfluss und könne zum Beispiel Empathie erzeugen oder eine Kaufabsicht wecken, wobei das eher für Kombinationen als für einzelne Farben gelte. Auch Zuschreibungen änderten sich, so sei die aktuelle Statusfarbe nicht mehr Rot, Purpur oder Lapislazuli, sondern vielmehr die Trendfarbe Grün. 
Venn: „Das ist heute eine philanthropische Farbe, ein altruistischer Farbton. Wenn ich grün bin, bin ich gut, naturnah, gesund.“ Kürzlich habe McDonald‘s Grün als Hausfarbe gewählt, um damit neue, vermeintlich gesündere Inhalte zu kommunizieren. „Aber dem FC Bayern oder der Deutschen Bank nun Grün anzuraten, das wäre lachhaft“, sagt Axel Venn. Wortapell und Farbapell oder Zeichenapell müssten übereinstimmen, andernfalls gebe es Irritationen. Axel Venn: „Das kann man zwar auch nutzen, aber meistens kommt das nicht gut an. Die Menschen wollen Klarheit, sie wollen verstehen, was ihnen vorgeführt wird, sonst werden sie verwirrt. Das führt zu Überdruss, und Überdruss will man bei seiner Klientel nicht erzeugen.“

In dem Moment, indem er malt, lässt Axel Venn sein Farbwissen allerdings beiseite. „Da lasse ich alles fließen, da halte ich nichts von Botschaften und Ideologien. Kunst ist im Grunde genommen nutzlos, wenn auch nicht sinnlos, und das ist ein Luxus“, lacht Axel Venn.

Alexander Radziwill

Die Beschäftigung mit Farbe hat bei Axel Venn bereits in der Kindheit begonnen. „Ich habe das schon  immer gemacht mit der Farbe, schon als ich sechs Jahre alt war“, erinnert sich der Farbforscher.

 

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