Heimtextil 2020

Ausgabe: 
09/2019
Wachstum gibt es im internationalen Bereich
Sabine Scharrer, Leiterin der Heimtextil, zur kommenden 50. Ausgabe der Messe
 
In wenigen Monaten wird die 50. Ausgabe der Messe Heimtextil stattfinden (7. bis 10. Januar 2020). Das Jubiläum kommt zu keiner einfachen Zeit: Die Resonanz auf die Veranstaltung ist zumindest bei deutschen Ausstellern und Besuchern schon einmal größer gewesen. International gesehen hat die Heimtextil indes nach wie vor große Strahlkraft. eurodecor-Redakteur Alexander Radziwill sprach in Frankfurt mit Sabine Scharrer, seit Mai 2016 Leiterin der Heimtextil, über den Wandel in der Branche und die anstehende Messe.
 
Die Heimtextil hat mit mangelndem Zuspruch aus dem deutschsprachigen Raum zu kämpfen. Unsere Leser sagen uns oft, dass sie gern und viel mit Stoffen arbeiten. Betrachtet man die Besucherzahlen der Heimtextil, spiegelt sich das nur bedingt wider. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?
Man muss sicher sehen, auf welchen Markt sich das bezieht. Handel, Raumausstatter und Hersteller leiden unter Konzentrationsprozessen, und das bildet auch eine Leitmesse wie die Heimtextil ab. Wo die Heimtextil wächst – auf Besucher- und Ausstellungsseite – ist der internationale Bereich. Wir haben inzwischen nur noch zehn Prozent deutsche Aussteller. Wir wachsen dagegen mit Ausstellern in erster Linie aus dem europäischen Bereich. Die Marktverschiebung trifft den deutschen Markt, aber auch zum Beispiel Italien und Belgien. Wir sprechen bei den Raumausstattern, wenn man sie von dem betrachtet, wo die Heimtextil herkommt, von einer Kernzielgruppe. Aber diese Gruppe ist rückläufig. Immer weniger Endverbraucher lassen sich vom Raumausstatter ein Fenster gestalten und kaufen Fertigprodukte online oder im filialisierten Handel. Und dann haben Raumausstatter zudem das Thema des Nachwuchsmangels.
 
Was tun Sie, um diesen Besucherschwund aufzuhalten oder gar zurückzudrehen?
Wir haben Programme, um speziell Raumausstattern den Messebesuch möglichst zu erleichtern, wir bieten kostenlosen Eintritt im Insider-Programm, machen geführte Touren, die auf spezielle Bedürfnisse abgestimmt sind, wir unterstützen das DecoTeam, die Trends der Heimtextil für den Raumausstatter abzuleiten und zu inszenieren. Und das wird auch sehr positiv bewertet.
 
Das DecoTeam macht unbestritten einen tollen Job. Die Dinge, die Sie ansprechen, existieren aber schon viele Jahre. Da gibt es immer wieder Veränderungen, aber im Prinzip bleibt vieles mehr oder weniger gleich. Ist das der Weg, um, sagen wir, gerade auch jüngere Raumausstatter nach Frankfurt zu locken?
Wir denken die Heimtextil Trends sind ein guter Grund, um nach Frankfurt zu fahren. Das im Trend Space Gezeigte geht mitunter in Richtung Avantgarde und ist vielen zu weit gesprungen. Wenn man eine sehr traditionelle Zielgruppe hat, kann ein Raumausstatter daraus vielleicht nicht direkt etwas ableiten. Das ist genau der Grund, warum das DecoTeam mit unserer Unterstützung etwas „Handfestes“ für diese Zielgruppe ableitet. Aber das ist nur ein Angebot von vielen auf der Messe. Jeder Hersteller, Händler, Editeur hat seine Neuheiten dabei, und da ist jeder Besucher gefragt zu schauen, was zu seiner Zielgruppe passt.
 
Es gab im Januar einen Neustart in Halle 8.0, wo Sonnenschutz und Gardinen/Dekostoff gemeinsam präsentiert wurden. Wir haben dazu viel Gutes von Ausstellern und Besuchern gehört, aber auch eine Menge Kritik.
2019 gab es zum ersten Mal seit zehn Jahren eine große Veränderung indem wir das Gelände neu strukturiert und die Angebotsbereiche noch mehr nach den Bedürfnissen der Besucher zusammengefasst haben. Von rund 3.000 Ausstellern mussten dafür rund 2.000 umziehen – eine Herausforderung für Besucher und Aussteller. Wir haben das vorab kommuniziert, aber auch vor Ort sehr viel gemacht, etwa über Hostessen, mit speziellen Plänen und Infotafeln vor den Hallen. Die Halle 8, die Sie angesprochen haben, ist eine der größten Messehallen, die Sie finden können. Das ist nicht ­so einfach mit der Orientierung – das Insider Café hat zum Beispiel nicht jeder gleich gefunden. Die Besucher mussten neue Wege gehen, die Aussteller hatten oft neue Stände in veränderten Abmessungen. Feintuning wird es geben, aber die Bewertungen im Nachgang zur Messe bestätigen uns darin, dass es der richtige Weg war, den wir beibehalten werden. 
 
Zwei sehr wichtige Aussteller aus den Bereichen Tapete und Sonnenschutz, A.S. Création und Kadeco, haben nach vielen Jahren als Aussteller ihre Teilnahme für 2020 abgesagt. Wie bewertet die Heimtextil das?
Als Messe ist es eine echte Herausfor­derung, wenn wichtige Branchenteilnehmer fehlen. Wir als Veranstalter setzen auf den Ausbau des Angebotes und auf die Internationalität. Wir erwarten nicht, dass der Handel in Deutschland wächst. Deswegen müssen wir schauen, wo das Geschäft der Zukunft für unsere Kunden herkommt und in neue Zielgruppen investieren. 
 
"Der deutsche Markt spielt eine abnehmende Rolle."
 
Der deutsche Markt spielt demnach also keine große Rolle mehr für Sie?
Er spielt eine abnehmende Rolle. Wir haben siebzig Prozent internationale Einkäufer. Je internationaler Sie aufgestellt sind, desto weniger tun Ihnen Schwankungen in einem Markt weh. Darum setzen wir auf die Internationalisierung neben dem Invest in den deutschen Markt.
 
Messen wie die Deconova, die Raumtex Süd und West im Inland wurden abgesagt. Die internationale Textilmesse MoOD, die im September in Brüssel hätte stattfinden sollen, wurde erst abgesagt, um dann doch wieder als Decosit weitergeführt zu werden, mit offenem Ausgang. Spielt Ihnen die Absage MoOD letzten Endes in die Karten?
Die Frage ist, ob wir das nicht sogar befördert haben. Deko- und Möbelstoff ist der am stärksten wachsende Bereich der Heimtextil. Vor rund fünf Jahren war die Halle 4.1 mit rund 15.000 Bruttoquadratmetern belegt mit Herstellern und Großhändlern von Deko- und Möbelstoffen. Innerhalb kürzester Zeit haben wir es geschafft, das europäische Angebot auf die Hallen 4.0 und 4.2 auszubauen – dank der internationalen Besucher. Wir sind jetzt bei fast 58.000 Bruttoquadratmetern, was fast eine Ver­vierfachung bedeutet. So gut wie alles, was in diesem Angebotsbereich Rang und Namen hat, stellt in Frankfurt aus. Hier ist der Anlaufpunkt für internationale Besucher. Nächstes Jahr sind allein vierzig neue Aussteller im Deko- und Möbelstoffbereich auf der Messe.
 
Welche der neuen Zielgruppen, die Sie ansprachen, spielt hier die wichtigste Rolle?
Der Objektmarkt – alles, was Architekten, Innenarchitekten, Einrichter und Planer betrifft. Wir machen gemeinsam mit Branchenpartnern in diesem Segment viele Führun­gen, gestalten spezielle Vortragsprogramme. Nächstes Jahr werden wir hier etwas Neues anbieten: die Library, die wir im Rahmen von Interior.Architecture.Hospitality konzipiert haben. Da geht es um funktionale Eigenschaften von Textilien. Jemand, der als Profi ein Objekt ausstattet, schaut auf die Funktionalität. Wir sprechen hier etwa von Schallabsorption, von Abrieb, von antistatischen Materialien. Unsere Aussteller tun sich manchmal etwas schwer, diese Eigenschaften zu kommunizieren und herauszustellen. Wir unterstützen sie also kom­munikativ. Die besten Produkte zu ausgewählten Funktionalitäten stellen wir in einer textilen Materialbibliothek vor. Das spricht den nationalen wie den internationalen Bereich an. Die Library bildet im ersten Jahr die fünf Themen schwer entflammbar, schalldämmend, scheuerbeständig, wasserabweisend und
aller­gikergeeignet ab. Weitere Eigenschaften werden in den nächsten Jahren dazukommen, wobei Akustik sicher eines der wesentlichen Themen ist und bleibt. Denn das ist etwas, was Textil einfach kann.
 
Man muss sicher – gerade bei Stoffen – den Privatbereich und das Segment Objekt getrennt betrachten. Für beide und für alle Segmente der Messe insgesamt wird die nächste Heimtextil eine Jubiläums-Veranstaltung. Wie wird die 50. Ausgabe der Heimtextil gefeiert?
Im Rahmen einer Party mit unseren Aus­stellern und den Teilnehmern am Insider-Programm. Wir ehren außerdem die Aussteller der ersten Stunde und werfen einen Blick in die Vergangenheit, zeigen Impressionen vergangener Messen. Wir werden alte Filme und Fotos präsentieren und vieles mehr.
 
2019 kam mit der 12 auch eine neue Halle ­hinzu. Stehen 2020 weitere Umbrüche an?
Alle Aufteilungen und Veränderungen aus dem Jahr 2019 werden wir 2020 – mit etwas Feintuning – fortführen. Es braucht ein, zwei Jahre, bis sich so etwas etabliert, und wir sind froh, dass die Besucher und Aussteller jetzt schon einmal wissen, wo sie hinmüssen, wenn sie ihre Aussteller suchen und wie sie ihre Hallen finden.
 
Und an der Tagesabfolge und den früh im Jahr positionierten Terminen ändert sich nichts?
Doch, ein bisschen schon. Wir rutschen im Jahr 2021 wieder auf den 12. bis 15. Januar. ­Wir haben aber auch entschieden, dass die Messe in Zukunft nicht mehr vor dem 9. Januar stattfindet. Der 9. ist in Zukunft also der frühestmögliche Tag in den nächsten Jahren. Im kommenden Januar wird die Messe also ein letztes Mal diesen frühen Termin – vom 7. bis 10. Januar – haben.

Alexander Radziwill

„Als Messe ist es eine echte Heraus­forderung, wenn wichtige Branchenteilnehmer fehlen“, erklärt die Leiterin der Heimtextil, Sabine Scharrer. (Foto: Radziwill)

 

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