Island Labs

Ausgabe: 
09/2020
Einrichten in der dritten Dimension
In Berlin werden holografische Wohnwelten in die Wirklichkeit projiziert
Wie sehen der neue Boden, die neue Tapete oder der neue Sonnenschutz zu Hause beim Kunden in dessen vier Wänden aus? Konfi­guratoren, Raumplaner und ähnliche Visualisierungstools werden in der Branche immer mehr zum Standard (s. eurodecor 7/8). Damit lässt sich auf Smartphone, Tablet oder PC abbilden, wie ein Produkt im Raum installiert wirkt. Ein Startup aus Berlin führt die virtuelle Beratung und den Verkauf nun in die dritte Dimension. In Berlin sprach eurodecor-Redakteur Alexander Radziwill mit dem CEO der Island Labs GmbH, Alexander Möller.
 
Ein quadratischer leerer Tisch, darauf befindet sich nichts als ein QR-Code. Die Mixed-Reality-Brille, die dem Besucher gereicht wird, erinnert an einen Fahrradhelm und ist im Gegensatz zu einer gängigen VR-Brille durchsichtig. Das Zimmer, die Personen und Gegenstände im Raum: alles ist dadurch wie gewohnt sichtbar. Ein Blick auf den QR-Code und es geht los: Auf dem leeren Tisch ist plötzlich ein Zimmer zu sehen, dreidimensional und von allen Seiten einsehbar; sogar von unter dem Tisch. Das Zimmer könnte eine Puppenstube für etwas größere Playmobil-Figuren sein. Virtuell lassen sich Möbel verrücken und austauschen, Farben und Muster der Wand- und Bodenbeläge nach Belieben verändern. Nichts ruckelt, alles ist scharf und bis ins Detail zu erkennen. Die Hand greift allerdings ins Leere, denn das Zimmer und alles darin existiert zu diesem Stadium der Planung lediglich virtuell.

Ein Klick und das Zimmer auf dem Tisch wird in den Raum projiziert, in dem der Besucher sich befindet. Das erinnert Science Fiction-Fans an das Holodeck auf dem Raumschiff Enterprise, nur dass die hier eingespielten Gegenstände zwar sicht-, aber nicht fühlbar sind. Wer der Versuchung nicht widerstehen kann und sich auf ein virtuelles Möbelstück setzt, landet auf dem Hosenboden.
Das Szenario findet in Eiswerder, einer Insel in der Havel nahe der Zitadelle Spandau in Berlin, statt, wo die Firma Island Labs ihren Sitz hat. Möglich macht die holografische Erfahrung eine Plattform namens „.rooms“. Sie ermöglicht es Designern, Bauherrn, Architekten, der Industrie und jedem, der eine Brille tragen kann, Dinge in einem beliebigen Raum holografisch und dreidimensional zu erleben – bevor das echte Einrichten im echten Raum überhaupt begonnen hat. Möglich macht das eine Kombination aus Microsoft HoloLens 2 und Tablet-App, die direkt vor Ort beim Kunden zum Einsatz kommt. Ein „.rooms“-Set passt bequem in einen Koffer und besteht aus zwei Tablets und drei Brillen. Damit lässt sich zum Beispiel ein Außendienstmitarbeiter eines Herstellers ausstatten, der dem Kunden zu Hause vorführt, wie seine neue Tapete, sein neuer Bodenbelag, sein neuer Sonnenschutz aussieht – nicht in einem Musterobjekt, sondern in der eigenen Wohnung, im eigenen Objekt. Hinter dem Unternehmen und „.rooms“ steht das Team von Alexander Möller. Das Gespräch mit dem CEO der Island Labs GmbH fand am Firmensitz in Berlin statt.

 
Wie kam es zur Gründung von Island Labs und der Entwicklung von „.rooms“?
Als wir 2017 hier an den Start gegangen sind, haben wir uns gefragt: Warum ist zum Beispiel der Autokauf meistens ein sehr freudiges Erlebnis, während etwa die Gestaltung von Wohnräumen am Anfang noch erfreulich ist, die Kurve dann aber oft abbricht. Das Kundeninteresse sinkt immer dann, wenn die Vorstellungskraft an ihre Grenzen kommt. In einem Haus haben Sie es mit Bodenbelägen, mit Wandbelägen, mit Fensterformen, Türbeschlägen und vielem mehr zu tun. Wer ist in der Lage, sich die Wirkung all dieser Elemente in Kombination vorzustellen? Das hat uns zur Entwicklung der Plattform „.rooms“ geführt. Wenn wir den Vergleich mit dem Auto noch einmal heranziehen, geht es darum, eine Einrichtung „probefahren“ zu können. Ich baue mir holografisch einen Wand- oder einen Bodenbelag ein, den ich nicht nur sehe. Ich kann darauf herumlaufen, ich kann an die Wand herangehen, mich im Raum bewegen und habe eine gesamtheitliche Sicht. Kunden und Verkäufer können nun im wahrsten Sinne des Wortes durch ein Sortiment an Produkten hindurchgehen und entscheiden, was am besten passt. Das hat einen ganz anderen Effekt als ein Ausdruck oder eine statische Darstellung. Der Kunde hat eine deutlich höhere Verbindlichkeit als anhand eines Prospekts oder einer 2D-Darstellung.
 
Muss der Raum, den ich zunächst holografisch und dann in der Realität mit Produkten bestücken und einrichten will, irgendwelche bestimmten Voraussetzungen erfüllen?
Nein. Das System ist dynamisch, wir können vor Ort die Maße anpassen. Das System ist transportabel und einfach nutzbar. Wer es gemeinsam mit dem Kunden nutzt, ist kein Techniker, sondern ein Verkäufer. Wir haben übrigens gerade für einen Kunden eine 35 auf 35 Meter große Industrieetage simuliert. Das wurde hier in Berlin gemacht – das Original steht in Portugal. Wir sind hier durch eine Fläche gelaufen, Büro für Büro, die in Portugal steht. Auch so etwas ist möglich. Deshalb heißt es auch „.rooms“: Wir stellen den Raum zur Verfügung, darin kann passieren was will.
 
Als Hersteller habe ich in der Regel zig Produkte, Kollektionen, Materialien, Farben und Dessins am Start. Die müsste ich vermutlich zunächst alle scannen und Ihnen übermitteln, bevor ich die Technologie nutzen kann. Ist es nicht enorm aufwändig, die Realität mit all ihren Facetten abbilden zu wollen?
Der Hersteller kann seine Objekte und Muster selbst einstellen – was wir anbieten, ist die Plattform. Wir sind in erster Linie ein Entwicklungs- und Innovationshaus, nicht der Dienstleister, der das alles einpflegt. Wir können das aber auch leisten oder diese Dienste vermitteln. Sie müssen aber gar nicht fünfzig Weißnuancen holografisch abbilden. Vielleicht genügt es, zehn Varianten einzugeben, und dann lassen sich beide Welten gut miteinander kombinieren, die reale und virtuelle. Sie müssen auch nicht jede Sortimentsergänzung nachpflegen. Das Haptische oder auch die Möglichkeit, ein Muster mit nach Hause zu nehmen: Das existiert ja weiterhin. Unser Ansatz ist es nicht, die Realität zu ersetzen.
 
Wie nah kann ich denn an, sagen wir, eine ­Maserung, eine Struktur herangehen, um noch einen realistischen Eindruck zu haben?
Die Auflösung ist vergleichbar mit dem HD-Bereich. Sie können Objekte sehr hochwertig auf die Plattform einstellen, wenn Sie den Blick darauf richten möchten. Als Hersteller von Bodenbelägen werden Sie vielleicht eher darauf Wert legen als auf die Wände, die Sie vielleicht entsprechend reduzierter abbilden lassen. Auch den Bürostuhl, den Sie aus ­Demozwecken ebenfalls einstellen, würden Sie vielleicht nicht bis auf die letzte Schraube exakt abbilden lassen. Diese Level können Sie als Kunde nach Wunsch auswählen.
 
Als Raumausstatter möchte ich dem Kunden vielleicht nicht nur ein bestimmtes Produkt nahebringen, sondern ihm ein ganzes Zimmer, eine ganze Wohnung dekoriert demon­strieren. Wäre auch das machbar?
Wir haben das bei einem Kunden momentan als Konzept für die weltweite Einführung vorgesehen. Und das ist ja auch unser Ansatz: alles miteinander vergleichen zu können. Die Rechenleistung ist dafür heute schon da. Hier wird extrem viel geforscht, so dass wir in ein paar Jahren eine noch leichtgewichtigere, noch leistungsfähigere Technologie haben werden. Wir sehen heute Ansätze, dass die Brillen in Form einer Sonnenbrille designt werden. Sämtliche Technologieunternehmen forschen daran; da wird noch viel passieren. ­
Klar ist aber immer: Der Kunde wird da nicht allein reingeschickt. Er redet während der Präsentation mit dem Berater und stellt Fragen. Der Berater hat nun aber ein sehr mächtiges zusätzliches Instrument an der Hand.
 
Wie sieht Ihr persönlicher Hintergrund aus?
Ich bin studierter Informatiker, war vor ­Island Labs im Bereich Unternehmensberatung tätig und habe lange Jahre in der Bildungsbranche gearbeitet. Von daher kenne ich die Angst der Anwender – in dem Fall der Lehrer – vor neuen Technologien. Und die Frage: Nimmt mir das etwas von meiner Beratungskompetenz? Unser Anspruch ist es, Produkte aus der Sicht der Anwender zu schaffen, die den nächsten Schritt in der Kundenbegeisterung und -bindung machen. Technologie ist ein Mittel, soll aber nicht im Vordergrund stehen. Wir schaffen es, dass Berater, die keine Techniker sind, sondern Verkäufer, innerhalb von zwei Minuten in die Lage versetzt werden, den Kunden kurz einzuweisen und dann in eine gemeinsame Beratungserfahrung zu gehen. Wir haben ein mobiles, überall anwendbares System generiert, das man einfach anschaltet und es geht los. 
 
Kann ich, als Hersteller oder Fachhandelspartner, diese Koffer leasen, muss ich sie kaufen?
Wir haben verschiedenen Modelle. Die meisten Unternehmen entscheiden sich nach einer Testphase für den Kauf, aber Leasing ist möglich. Im Rahmen unseres Evaluation Kits kann ich ein Paket leihen und testen und auch Kunden einladen, um es mit denen gemeinsam auszuprobieren. Dabei geht es darum zu erfahren, welchen Mehrwert das System mir bietet. Wir machen das nicht um der Technologie willen, sondern um den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen zu fördern. Passt das zu meinen Kunden, passt das zu dem, was ich verkaufen könnte? Das muss jedes Unternehmen selbst abschätzen. Wir hatten zum Beispiel auch Gespräche mit Herstellern von sehr hochwertigen Leuchtensystemen. Da kommt man an eine physische Grenze, denn wenn ich eine halbdurchlässige Brille aufsetze, werde ich nie exakt dieses spezielle Licht simulieren können, das diese Leuchte abstrahlt.
 
Aus welchen Branchen kommen die Kunden, für die Sie derzeit arbeiten?
Das ist sehr stark der Bereich Interoir Design. Wir bearbeiten zum Beispiel aktuell das Thema coworking spaces, new working spaces, gerade in Zeiten von Corona. Hier geht es um die veränderte Raumaufteilung, die nötig ist für temporäre Konzepte. Wir sind ja da inzwischen sehr weit weg vom rein Funktionalen, also: Schreibtisch auf Filzteppich. Das geht auch in den Bereich Immobilienwirtschaft, zum Beispiel, wenn es darum geht, in einem Gebäude mehrere Appartements zu bauen. Haben die 16 oder 20 Quadratmeter Größe? Auch wenn die Wände nur virtuell sind, ­erleben Sie sofort, wie der Raum funktioniert – oder auch nicht. Auch der Bereich Immobi­lienvertrieb ist für uns relevant, ebenso  Kajütenbau, Schiffsbau und Hotelzimmerbau. Visualisierungen oder auch ein Film in 3D im Kino – das ist ja nicht mehr bahnbrechend neu. Aber das wurde im Prozess, ich sage es mal so, manchmal als Goodie hintendran geschoben, wenn der Kunde schon unterschrieben hatte. Je mehr der Kunde erlebt, dass er auch etwas sehen kann, bevor er sich entscheidet, desto mehr wird er das auch einfordern. Das ist für beide Seiten ein Gewinn, denn als Hersteller oder Fachhandelspartner kann ich so eine Vereinbarung treffen über das, was wir machen wollen, bevor es zur Unzufriedenheit kommt. Die Reklamationsquote sinkt, die ­Weiterempfehlungsquote und die Upsellingkomponente steigen, wenn der Kunde es selbst gesehen hat. Es wird noch eine Weile dauern, bis sich das durchgesetzt hat, denn nicht jeder ist affin dafür. Es geht um auf­setzen, anschalten, drin sein. Und genau das ist ein Mehrwert. Die Technologie hilft, aber das ist nicht der Treiber. Die Treiber sind ­Vertrieb, Visualisierung und Kundennähe der Zukunft.
 
Viele Messegesellschaften überlegen sich derzeit, wie Messe in Zeiten der Pandemie und darüber hinaus aussehen kann. Können Sie sich die Technologie hinter „.rooms“ auch für eine Messe vorstellen? Wurden da bereits Gespräche geführt?
Diese Gespräche mit Messeveranstaltern führen wir. Virtuelle Messe wird ein wichti­-ges Thema in der Zukunft sein. Derzeit gibt es viele Überlegungen, das, was man von Messe kennt, eins zu eins ins Virtuelle zu übertragen. V­ielleicht ist es wichtiger, in der Virtualität Produkteigenschaften sehr viel stärker her­vorzuheben, in Verbindung mit einem Chat mit dem Berater. Wir haben vor kurzem eine Ebene namens „.rooms online“ geschaffen. Dort können Sie einen Raum mit dem Berater buchen, und dieser kann alles, was mich interessiert, da hineinpacken. Das kann dem Konzept einer virtuellen Messe deutliche Mehrwerte geben. Die Sicht des Kunden annehmen – das ist meines Erachtens nicht, durch Gänge zu laufen, sondern etwas, das eine höhere ­Individualisierung aufweist. Daran arbeiten wir derzeit.

Alexander Radziwill

Holographisch gestalten: Die Mixed-Reality-Anwendung „.rooms“ verändert mit Hilfe von 3D und  Mixed-Reality-Beratung die Planung und den Verkauf im Bereich Retail, Interior-Design und Immobilien. (Foto: Island Labs)

Holographisch gestalten: Die Mixed-Reality-Anwendung „.rooms“ verändert mit Hilfe von 3D und Mixed-Reality-Beratung die Planung und den Verkauf im Bereich Retail, Interior-Design und Immobilien. (Foto: Island Labs)

 

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