Rug Star

Ausgabe: 
05/2014
Auf Nummer sicher ist das größte Risiko
Jürgen Dahlmanns setzt auf langlebiges Design in einer schnelllebigen Zeit

Textile Beläge im Wohnbereich mögen in einer Krise stecken – für das Objekt gilt das so nicht, und für die Liga, in der Jürgen Dahlmanns spielt, erst recht nicht. Der Gründer des Berliner Unternehmens Rug Star setzt auf handgeknüpfte Teppiche aus Nepal und Indien. Traditionelle Technik trifft auf ein modernes, betont eigenständiges Design.

Karpfen und Affen, Blumen vor starkfarbigen Querstreifen, dösende Tiger und lauernde Libellen, Bienenschwärme in Formation, oszillierende Farben, Teppiche, die aussehen wie Kellerwände mit Wasserschaden: Mutlosigkeit beim Design kann man Jürgen Dahlmanns nun nicht gerade vorwerfen. Wer beim Stichwort textile Beläge an Kollektionsbücher denkt, aus denen ein frisches Anthrazit, ein freches Beige oder ein rasantes Grau grüßen, ist bei Rug Star an der falschen Adresse. In Berlin Mitte, zwischen Volksbühne und Alexanderplatz, sitzt Firmengründer Jürgens Dahlmanns entspannt auf einem Ledersofa inmitten seiner Schöpfungen. An den Wänden hängen, auf dem Boden liegen außergewöhnliche Teppiche, jeder mehrere tausend Euro wert. Rug Star-Produkte werden in mehr als dreißig Ländern vertrieben, Schwerpunkt: China, Nahost, Russland Wer kauft sich das? „Unterschiedlich“, sagt Dahlmanns. In Berlin seien es wohl vor allem Familien, die Werte schätzten. „Statussymbole sind in Berlin schwierig. Du darfst kein dickes Autos fahren, darfst keinen Schmuck tragen, du kennzeichnest dich, in welchen Bioladen du gehst und auf welche Schule du deine Kinder schickst. Zuhause in der Einrichtung aber geht es um Wertschätzung. Vor zehn Jahren musste das Sofa teurer als der Teppich sein, das ist heute andersrum“, hat Jürgen Dahlmanns beobachtet. Der handgeknüpfte Teppich signalisiere Beständigkeit. Wer sich dafür entscheide, habe „keine Lust auf schnelle Oberflächen“. Was bedeutet das? Dahlmanns glaubt daran, sagt er, dass Dinge mit dem Alter schöner werden können. „Als die New Economy boomte, ging es um schnelle Oberflächen. Wir haben so viele Krisen durchlebt. Heute wollen wir Dinge haben, die Beständigkeit und Sicherheit ausstrahlen“, deutet der Rug Star-Gründer.

Dahlmanns Gesicht kennen viele aus einer Anzeigenserie, die zunächst im Magazin der Zeit erschien und inzwischen auch in der Süddeutschen Zeitung und in der Elle Decoration zu sehen ist. Jedes Mal steht er darin vor einem anderen Teppich. Jedes Motiv erzählt eine andere Geschichte, rätselhaft, inszeniert und auf den ersten Blick schwer zu entschlüsseln. Vor zwölf Jahren gehörte Jürgen Dahlmanns, gemeinsam mit Jan Kath und der Textildesignerin Michaela Schleypen und ihrem Label Floor to Heaven, zu den Newcomern, die den handgeknüpften Teppich anders definierten als die damals etablierten Platzhirsche. Dahlmanns ging mit dem Blick des Seiteneinsteigers an die Sache; kein „das macht man so nicht“ konnte ihn davon abhalten, seine Ideen umzusetzen. „Ich bin von Haus aus Architekt. Ich habe mir die Szene angesehen und gedacht: Das ist ein nicht bestellter Acker“, erinnert sich der Teppich-Designer. 

Der Erfolg kam tatsächlich, aber er brauchte seine Zeit. Zwei Jahre nach der Firmengründung als Ich AG lockte Dahlmanns die Heimtextil, wo es seinerzeit einen Schwerpunkt Teppichboden in Halle 3 gab. Geld hatte er kaum, aber Erfahrungen als Projektmanager und mit Ausstellungsarchitektur, so kam er an den Auftrag, die Innovationsfläche zu gestalten: „Innerhalb dieser Fläche hatte ich einen kleinen eigenen Stand. Ich habe mein Berliner Wohnzimmer ab und dort aufgebaut und mich hingesetzt.“ Ikea wurde dadurch auf ihn aufmerksam, und er konzipierte drei Teppichprodukte für die Schweden: modulare Elemente aus getuftetem Acryl, mit denen der Konsument spielerisch umgehen konnte. Dahlmanns wurde zwei Jahre Kreativcoach für die Entwickler des Unternehmens und gab Seminare in der schwedischen Zentrale. Gefallen hat ihm dort besonders, wie die Teams aufgebaut waren: horizontal gegliedert. Jeder konnte offen seine Meinung sagen, ohne Grabenkämpfe zwischen den Abteilungen.

Wie lebt der Mensch, der unser Produkt kaufen will?

Für den Rug Star-Gründer liegt darin ein Schlüssel zum Erfolg: nachdenken über das Produkt und die Lösung eines Problems, nicht über seine eigene Position und sein Fortkommen. Den Kontext zum Kunden herstellen. „Wie lebt der Mensch, der unser Produkt kaufen will?“, fragt sich der Designer, dem sein Studium der Soziologie vor dem Architekturstudium bis heute Nutzen bringt. Was verkauft sich beim handgeknüpften Teppich aus seiner Sicht besonders gut? „Was keiner erwartet hat, was neu ist und noch keiner kopiert“, sagt Dahlmanns. Seine Designs, die nicht schnell kopierbar sind, werden in je zwei Produktionsstätten in Indien und Nepal gefertigt. Ein Teppich benötigt fünf Monate in der Produktion. Irrsinnige 200 bis 240 Designs und Varianten bringt Rug Star jährlich heraus. Viel Zeit bleibt dabei nicht übrig. Dennoch: Würde ein Teppichbodenhersteller anklopfen und fragen, ob er bereit wäre, eine bezahlbare Kollektion, ausgerichtet am Wohnbereich und am Endverbraucher, zu gestalten, würde er einsteigen? „Auf jeden Fall“, sagt Dahlmanns ohne zu zögern. 2015 wird es aber erst einmal um „wasteland“ gehen – Brachland, Einöde also, die bislang radikalste Kollektion. Jürgen Dahlmanns möchte dort Schönheit finden, wo andere Verschmutzung sehen, er sucht da nach Bildern, wo Zerstörung ist, und das überwiegend in schwarz-weiß, mit homöopathischem Farbeinsatz. Warum wasteland? Warum nicht etwas Gefälligeres? Für Dahlmanns steht fest: „Auf Nummer sicher zu gehen, ist das größte Risiko.“ Alexander Radziwill

Porträt Rug Star
Porträt Rug Star

Jürgen Dahlmanns | Gründer und Geschäftsführer Rug Star
»Der handgeknüpfte Teppich signalisiert Beständigkeit.«

Rug Star

Gegründet: 2002 in Berlin
Eigentümer: Jürgen Dahlmanns
Umsatz: keine Angaben
Mitarbeiter: 14 in Berlin, ca. 1.600 in den vier Produktionsstätten in Indien und Nepal
Standorte: eigene Läden in Berlin Mitte (Zentrale und Outlet Store), Augsburg, Zürich, Peking, darüber hinaus Kooperationspartner in ca. 30 Ländern
Spektrum: moderne handgeknüpfte Teppiche in Tibet-Technik und als Perserteppich
Weitere Infos: www.rugstar.com

 

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